Stephen King - Doctor Sleep (Heyne)

Stephen King – Doctor Sleep (Heyne)

Die große Fortsetzung von „Shining“

Auf Amerikas Highways ist eine mörderische Sekte unterwegs. Sie hat es auf Kinder abgesehen, die das Shining haben. Stephen King kehrt zu den Figuren und Szenerien eines seiner berühmtesten Romane zurück: Der Dreirad fahrende kleine Danny, der im Hotel Overlook so unter seinem besessenen Vater hat leiden müssen, ist erwachsen geworden. Aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los, und wieder gerät er in einen Kampf zwischen Gut und Böse. Die zwölfjährige Abra hat das Shining. Kann er sie retten?

Nur mühevoll kann Dan Torrance die Schrecken verarbeiten, die er als kleines Kind im Hotel Overlook erlitten hat. Obendrein hat er die Suchtkrankheit seines besessenen VateCoverrs geerbt und nimmt daher fleißig an Treffen der Anonymen Alkoholiker teil. Seine paranormalen Fähigkeiten – das Shining – setzt er nun in seinem Beruf ein: In einem Hospiz spendet er Sterbenden in ihren letzten Stunden Trost. Man nennt ihn liebevoll Doctor Sleep. Währenddessen ist in ganz Amerika eine Sekte auf der Suche nach ihrem Lebenselixier unterwegs. Ihre Mitglieder sehen so unscheinbar aus wie der landläufige Tourist – Ruheständler in Polyesterkleidung, die in ihr Wohnmobil vernarrt sind. Aber sie sind nahezu unsterblich, wenn sie sich vom letzten Lebenshauch jener Menschen ernähren, die das Shining besitzen. Das Mädchen Abra Stone besitzt es im Übermaß und gerät ins Visier der mörderischen Sekte. Um sie zu retten, weckt Dan die tief in ihm schlummernden Dämonen und ruft sie in einen alles entscheidenden Kampf.

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, „Carrie“, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.

Meinung zum Buch:

Stephen King ist zurück! in regelmäßigen, recht kurzen Abständen erscheinen seine Bücher und man bekommt als Leser das Gefühl, dass dieser Mann ein Besessener ist. Besessen von dem Gedanken, seine ganzen Ideen und kreativen Einfälle, aber auch seine ihn immer wieder beschäftigenden Hauptthemen zu Papier zu bringen. Widmete er sich in seinen letzten großen Romanen, hier noch am deutlichsten in „Der Anschlag“, dem Thema „Liebe“, so ist es in seinem aktuellen Buch Doctor Sleep (Heyne, 704 Seiten, € 22,99) die intensive Auseinandersetzung mit dem Tod. Aufsehen erregte King vor einiger Zeit mit seiner Ankündigung, eine Fortsetzung zu einem seiner größten Erfolge, „Shining“, zu schreiben, doch letztendlich ist Doctor Sleep ein eigenständiger Roman, der bis auf die Einbeziehung der Figur und vieler Rückblicke auf den großen Vorgänger eine ganz eigene Intention hat. Denn wenn man King glauben darf, war „Shining“ ein Roman, den ein dem Alkohol und Kokain verfallener junger Mann verfasste, während Doctor Sleepknapp vier Jahrzehnte später entstanden, eine persönliche Abrechnung mit dieser Zeit ist. So lässt er seine Hauptfigur Danny „Dan“ Torrance, der damalige Junge aus „Shining“ ist in „Echtzeit“ mitgealtert, denn die Handlung spielt im Jahr 2013, einen ähnlichen persönlichen Werdegang durchleben. Wie im Zeitraffer durchläuft der Leser die verstrichenen 36 Jahre, erlebt die persönlichen Tiefpunkte des schwer alkoholabhängigen Protagonisten und seinen Weg zu den Anonymen Alkoholiker, um dann in die eigentliche Hauptstory um eine Gruppe reisender Steam-Vampire, die sich „der wahre Knoten“ nennen, zu kommen, die Menschen mit dem Shining entführen und sie entweder zu ihresgleichen verwandeln oder töten, um an ihr Steam, eine Art stärkende Seele, zu gelangen. Danny trifft im Laufe der Geschichte auf die junge, hellsichtige Abra, die über ein unglaublich starkes Shining verfügt und nun in den Fokus der Sekte gerät. Gemeinsam machen sie sich auf, die Sekte zu zerschlagen.

Stephen King

Stephen King

Stephen King erweist sich auch in seinem neusten Werk als ein begnadeter Erzähler. Doch gerade in Doctor Sleep zeigt sich deutlich, dass man einen King-Roman nicht mehr als reinen „Horror“-Roman lesen sollte, sondern die eigentliche Handlung mehr als Metapher für etwas übergeordnetes, wesentlich persönlicheres steht. In diesem Fall ist es seine sehr ehrliche und offene Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht und was sie mit dem Betroffenen so wie seinen Angehörigen als Co-Abhängige macht. Über all dem steht jedoch die große Konfrontation mit dem Tod, dem Übergang des rein körperlichen hin zum körperlosen, eher geistigen Zustands. So hat man an vielen Stellen den Eindruck, eine persönliche Lebensbeichte im Kostüm eines Romans zu lesen, denn oftmals ertappt man sich als Leser dabei, Danny Torrance als alter Ego des Autors zu sehen.

Der Beginn des Romans erweist sich aus inszenatorischer Sicht als etwas verworren, man hat den Eindruck, dass King ein kreativer Heizkessel ist, der kurz vor der Explosion steht (um hier mal das im Roman oft als Anspielung auf das Ende von „Shining“ verwendete Bild zu gebrauchen). Er reißt einen Zeitrahmen von 36 Jahren in 150 Seiten ab, springt von einer zur nächsten Erzähl- oder Handlungsebene und füllt die Seiten mit Ideen, Entwürfen und inhaltlichen Konzepten, die so konfus wie verwirrend wirken und sich erst im Laufe der folgenden 550 Seiten auflösen und einen tieferen Sinn ergeben. Doch als der Autor dann sein Tempo und seinen Rhythmus findet, geschieht das, was man bei einem King-Roman immer erlebt, man ist plötzlich gefangen in einem Parallel-Universum, welches davon lebt, dass man durch die permanenten Verknüpfungen zu älteren Werken das Gefühl erlebt, an einen altbekannten Ort zurückzukehren. So kann man Doctor Sleep als einen Roman bezeichnen, der viele bekannte Motive und Strukturen des Autors verwendet, seine wahre Stärke jedoch bei der übergeordneten Betrachtung, den lebendigen Figuren und den kunstvoll verknüpften Handlungssträngen entfaltet.

Christian Funke-Smolka