Stephen King: „Später“ (Heyne)

Stephen King: „Später“ (Heyne)

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ein normaler neunjähriger Junge. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, aber er steht seiner Mutter Tia, einer Literaturagentin, sehr nahe. Die beiden haben ein Geheimnis: Jamie kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und sogar mit ihnen reden. Und sie müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga bleibt leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe … Die beiden treten eine Reihe von unabsehbaren Ereignissen los, und schließlich geht es um, nun ja, Leben und Tod.

Stephen King wurde am 21. September 1947 in Portland, Maine, geboren. Er zählt zu den erfolgreichsten Autoren des späten 20. Jahrhunderts. Insgesamt hat der vielfach ausgezeichnete Bestsellerautor über 40 Romane, über 100 Kurzgeschichten, Novellen, Drehbücher, Gedichte, Essays, Kolumnen und Sachbücher veröffentlicht. Ende 2003 erhält Stephen King den »National Book Award« für sein Lebenswerk. Weltweit hat er 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Mit seiner Frau Tabitha lebt er in Bangor, Maine. Stephen King hat eine Tochter und zwei Söhne.

© Heyne & Shane Leonard

Meinung zur Veröffentlichung:

Jamie Conklin ist ein neunjähriger Junge, der in bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia in New York City aufwächst. Diese ist Literaturagentin und leitet seit dem krankheitsbedingten Wegfall ihres Bruders Harry die Agentur. Diverse finanzielle Tiefschläge haben ihr zugesetzt, zum Glück jedoch betreut die den Bestseller-Autoren Regis Thomas, der mit seiner eher seichten aber überaus erfolgreichen „Roanoke“ – Reihe für regelmäßige Einnahmen sorgt.

Jamie ist ein normaler, aufgeweckter Junge, der jedoch ein Geheimnis mit seiner Mutter teilt: er kann mit kürzlich verstorbenen Menschen kommunizieren. Als der Erfolgsautor unerwartet und vor der Beendigung seines Abschlussbandes verstirbt, sieht Tia die einzige Chance darin, die Gabe ihres Jungen zu nutzen. Doch dies ist erst der Anfang einer Reihe von Ereignissen, bei denen der Junge mit seiner Begabung von einer gefährlichen in die nächste Situation gerät.        

„Es kommt nicht immer ein neuer Tag.“ – Michael Landon –

Mit diesem Zitat des 1991 verstorbenen Schauspielers beginnt der neue Roman Stephen Kings, der sich erneut mit dem Tod, aber auch dem Leben beschäftigt. Später, für King mit knapp 300 Seiten ungewöhnlich kurz, wird aus der Sicht des Jungen erzählt, der umgangssprachlich und gelegentlich erzählerisch hin- und herspringend, seine ungewöhnliche Geschichte präsentiert. King erweist sich dabei wieder als ein begnadeter Zeichner menschlicher Eigenschaften, so dass einem die Figuren schnell vertraut werden und ans Herz wachsen. Seine Charaktere sind lebendig, ihr Verhalten authentisch und oftmals nachvollziehbar. Aber King geht noch einen Schritt weiter, denn seine oberflächlich als Geistergeschichte getarnte Story (die – so wird schnell deutlich gemacht – nichts mit The Sixth Sense zu tun hat!) ist gleichzeitig ein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Umstände der Gegenwart und ein herrlich bissiger Blick auf die Literaturszene, das Verhältnis von Auflagenstärke, jährlichen Veröffentlichungen und dem daraus resultierenden Niveau und dem Abgleich des Bildes von ästhetischen, sexhungrigen Romanfiguren gegenüber dem tatsächlich eher unansehnlichem, misanthropen und psychisch instabilen Erfolgsautor. King erweist sich dabei nicht nur als ein feinsinniger und sprachbegabter Beobachter, sondern bringt auch erneut seine persönliche Sicht auf das Leben und den Tod zum Ausdruck. Doch King, irrwitzigerweise oftmals immer noch auf die Schublade „Horror“ reduziert, lässt auch hier erst schleichend, später immer deutlicher (und in den Beschreibungen drastischer) das Grauen ein. Ich für meinen Teil hätte diesen Aspekt nicht unbedingt gebraucht, da es sich meiner Meinung nach auf die erzählerische Qualität auswirkt, allerdings schmälert es die vorangegangenen Seiten nicht. Auch wenn ich mir wünsche, dass Stephen King einen Roman schreiben würde, der sich nur auf seine Figuren und deren Miteinander konzentriert, ohne das Übernatürliche und Unerklärliche zu bemühen, ist ihm auch mit Später ein kurzweiliger, extrem unterhaltsamer Pageturner gelungen, den man nur schwer aus der Hand legen kann.         

Später (Originaltitel: Later, Großbritannien 2021) erscheint bei Heyne als gebundenes Hardcover mit Lesezeichenband in einer Übersetzung dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt (304 Seiten, €22).

Stephen King präsentiert mit seinem neusten Roman Später eine erneut mit vermeintlich spielerischer Leichtigkeit erzählte Geschichte, die sich sprachlich leichtfüßig bewegt und die Lesenden dabei unmerklich in eine andersartige, aber doch vertraute Welt entführt. Sprachlich und erzählerisch angenehm auf das Wesentliche reduziert, zeigt King, dass er es auch nach Jahrzehnten immer noch beherrscht, eine gute Geschichte sprachlich ausgefeilt zu erzählen.

Christian Funke