Stephen King - Zwischen Nacht und Dunkel (Heyne)

Stephen King – Zwischen Nacht und Dunkel (Heyne)

Wenn ein Autor 55 Bücher in knapp 40 Jahren veröffentlicht hat, kann man ihn getrost als einen der produktivsten Autoren der Gegenwart bezeichnen. Dabei aber auch noch erfolgreich zu sein, und ein hohes Niveau sowohl in Stil als auch Erzählung vorzuweisen, dass schaffen die wenigsten.
Stephen King ist solch ein Autor, der hauptsächlich mit einem bestimmten Genre in Verbindung gebracht wird, der aber weit mehr kann, als bloße Horrorgeschichten zu fabrizieren. Denn seine wahre Stärke zeigte sich immer dann, wenn er das Grauen des Alltags in seine Geschichten einbrachte. Denn dieses wirkte oftmals tiefer, langanhaltender und intensiver, als es ein fiktives, übernatürliches Wesen vermocht hätte.

Hier vorliegend haben wir ein weiteres Beispiel dafür, dass der Autor nach einem, nennen wir es mal liebevoll „kleinen literarischen Durchhänger“, mit seinen letzten Büchern nicht nur zu alter Hochform zurückgefunden hat, sondern diese auch noch weiter ausbaute, indem er sich schriftstellerisch weiterentwickelt hat, und seinen Geschichten damit eine faszinierende Tiefe verleiht.
In Zwischen Nacht und Dunkel (Heyne, gebundene Ausgabe) wählt er die literarische Form der Novelle (ich kann bei Geschichten, die bis zu 200 Seiten lang sind, nicht „Kurzgeschichte“ schreiben), die mir bei Stephen King persönlich immer am Besten gefallen hat, da er hier seine Story immer punktgenau und wirkungsvoll zu erzählen weiß.
In vier Geschichten widmet er sich auf 528 Seiten dem Thema „Vergeltung“! Mal aus der Sicht des Opfers, mal aus der Sicht des Täters, schuldig oder unschuldig. Ihm gelingt es, diese Thematik in all ihren Facetten auszuloten, und dabei den Leser auf einen grausamen aber auch morbiden fesselnden Weg zu führen!

Die Auftaktnovelle 1922 ist ein, mit 200 Seiten, langer und interessanter Einstieg in die Thematik. Ein Farmer möchte an das seiner Frau gehörende Grundstück gelangen, und spannt dazu manipulativ den gemeinsamen Sohn ein, um das Problem damit ein für alle mal zu klären. Damit jedoch tritt er für alle Beteiligten eine Lawine an nachfolgenden Tragödien aus, die er zu Beginn so nie erwartet hätte.
Die drei weiteren Geschichten Big Driver, Faire Verlängerung und Eine gute Ehe spielen in der Gegenwart, und setzten sich mit den Themen Lebensverlängerung, und was man dafür als kranker Mensch einzugehen bereit ist, Rache nach eine Vergewaltigung, und anderen eher dunklen Themen unserer Zeit auseinander.

Die Kurzform einer Geschichte ist nach wie vor die Stärke des Autors, gelingt es ihm hier, nicht zu ausschweifend zu formulieren, sondern sich auf den wesentlichen Kernpunkt seiner Aussage zu konzentrieren. Das gibt den Geschichten ein straffes Tempo und dank der guten Ausarbeitung der Charaktere sogar literarische Tiefe!
So ernsthaft die Geschichten auch sind, und so realistisch sie auch geschrieben wurden, manchmal gehen Stephen King aber auch hier die „Pferde durch“. Er kann es sich einfach nicht verkneifen, punktuell übernatürliche, drastische Horrorelemente einzufügen.
Interessant war es, dass er auch hier wieder Anekdoten oder Ortschaften aus älteren Geschichten eingebunden hat, um so ein weiteres Puzzleteil in dem großen Stephen King – Universum hinzuzufügen.

Die Buchgestaltung ist überaus gelungen, Name und Titel sind in dunkler Schrift auf ein blutbeflecktes Tierfell gedruckt, welches, fasst man es an, sogar im Prägedruck die typische Maserung aufweist

Mit Zwischen Nacht und Dunkel beweist Stephen King eindrucksvoll, dass er den Titel als großer, wenn nicht einer der größten Geschichtenerzähler der gegenwärtigen Literatur zu Recht verdient. Atmosphärisch dicht, mit faszinierenden, realistisch anmutenden und abwechslungsreichen Charakteren versehene Geschichten, die einen Sog entfalten, dem man sich nicht entziehen kann! Selten wurde einem der alltägliche Horror so fesselnd und gleichzeitig erschreckend präsentiert, wie in diesen vier Geschichten!

Christian Funke-Smolka