“The History of EC Comics” (TASCHEN)

“The History of EC Comics” (TASCHEN)

Im Jahr 1947 erbte Bill Gaines EC Comics, den noch jungen Verlag seines legendären Vaters M. C. Gaines, der während seiner Zeit bei All-American Publications für die Geburt des Comics, wie wir ihn kennen, mitverantwortlich war und der Welt Wonder Woman und Green Lantern bescherte. In den nächsten acht Jahren sollten Bill Gaines und ein „Who is Who“ der Ära, darunter Al Feldstein, Harvey Kurtzman und Wally Wood, mit Titeln wie Tales from the Crypt, Crime Suspen Stories, Weird Science und MAD den Begriff des Comics nochmal vollkommen neu erfinden.

EC begeisterte seine Leser mit blutigen, morbiden Horror- und Crime-Comics, die sich durch spontane und ironische Auflösungen auszeichneten. Zugleich leistete man Pionierarbeit mit den ersten lebensechten Kriegscomics, den ersten „echten“ Science-Fiction-Geschichten und einer Reihe von Storys über Tabu-Themen wie Rassismus, Bigotterie, Selbstjustiz, Drogensucht, Polizeikorruption und Antisemitismus. Letztlich waren die Inhalte zu edgy und anspruchsvoll, um langfristig zu bestehen – verschiedene Moralwächter der 1950er Jahre waren überzeugt davon, dass die ausgefallenen Inhalte der EC-Comics Jugendkriminalität beförderten. Ca. ein Jahr nach einer umfassenden öffentlichen Untersuchung der Horror- und Crime-Comics verschwanden die bahnbrechenden EC-Heftchen wieder von der Bildfläche.

TASCHEN präsentiert die ganze faszinierende Geschichte dieses legendären Unternehmens – konzipiert, gestaltet und verfasst vom EC-Experten Grant Geissman in Zusammenarbeit mit der Familie Gaines, die dafür ihre Archive öffnete und über 100 bislang unveröffentlichte Raritäten zutage förderte. Viele der Titelbilder wurden von Gaines’ eigenen Archivexemplaren reproduziert, die weithin als die am besten erhaltenen Ausgaben von EC-Comics gelten. Selbst eingefleischteste EC-Fanatiker werden hier noch etwas Neues finden.

Der Autor:

Grant Geissman ist einer der weltweit führenden Experten für EC Comics und MAD. Er schrieb und gestaltete vier Bücher zu diesem Thema, von denen drei für den Eisner Award nominiert waren. Als Gitarrist und Komponist co-komponierte er die Musik der erfolgreichen Fernsehserien Two and a Half Men und Mike & Moll und erhielt dafür eine Emmy-Nominierung. Unter seinem eigenen Namen veröffentlichte er vierzehn Alben, darunter die Jazz-Trilogie Say That!, Cool Man Cool Cool und BOP! BANG! BUMM!

© TASCHEN

Meinung zur Veröffentlichung:

Die Geschichte der berüchtigtsten Comics der Welt

Als Maxwell Charles Gaines im Jahr 1945 den Verlag Educational Comics gründete, konnte niemand ahnen, wohin dieser Weg führen sollte. Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf illustrierten Bibelgeschichten, denen später lustige Kindercomics mit sprechenden Tieren folgen sollten. Nach seinem Tod im Jahr 1947 erbte sein Sohn William Maxwell Gaines den Verlag. Bereits im darauffolgenden Jahr zeigte sich eine Veränderung, denn Ziel war es, den Verlag dem allgemeinen Zweitgeist anzupassen und entsprechend thematisch zu modernisieren. Entsprechend wurden Western, Krimis und Liebesromanzen in das Programm aufgenommen, unterstützt wurde er dabei von den Zeichnern Johnny Craig, Graham Ingels und Wallace Wood und dem Redakteur Al Feldstein. Spätestens im Jahr 1950 fokussierte man sich auf intelligent geschriebene Geschichten mit unerwarteten Wendungen und einem ironischen Humor und bediente sich literarischer vorlagen, u.a. den Kurzgeschichten Ray Bradburys. Der Grundstein für die allseits bekannten EC Comics war damit gelegt. Denn schnell entdeckte man im Horror- und Crime-Fantasy sowie Science-Fiction eine lukrative Marktnische, in welcher man sich Tabu-Themen wie Rassismus, Selbstjustiz, Drogensucht, Polizeikorruption und Antisemitismus widmen konnte. Themen, die in der Comicliteratur ihrer Zeit weit voraus waren und zu öffentlichen Diskussionen und der These führte, dass der Konsum von Comics die Neigung zu Verbrechen fördern würde. Grund genug, dass   die Comics Code Authority gegründet wurde, die es sich zur Aufgabe machte, drastische Gewaltdarstellungen und Reizbegriffe wie „Terror“ oder „Horror“ zu tabuisieren. Dies war das Ende von EC Comics!

Auch wenn intelligente Science-Fiction das heimliche Faible der Macher Gaines und Feldstein war, wird man EC Comics (mittlerweile in Entertaining Comics umbenannt) wahrscheinlich auf ewig mit dem Horrorgenre in Verbindung bringen. The Vault Of Horror, The Haunt Of Fear und Tales From The Crypt (auch als HBO-Serie, von 1989 bis 1996 produziert, ein großer Erfolg) lassen einem als Fan noch heute wohlige Schauer über den Rücken rieseln, sind jedoch gleichzeitig die Art von Unterhaltung, vor der einen Mutti immer gewarnt hat! Stilprägend waren die Horrorfiguren, die als Gastgeber durch die Geschichte führten. Diese wiederum hatten es dann in sich! Auf den Punkt geschrieben, mit einem bitterbösen Twist versehen, vereinten sie Horror und Humor zu einer stilprägenden und äußerst unterhaltsamen Geschichte. Eine Mischung, die überaus gut ankam und in dieser Form zur Zeit der Veröffentlichung einzigartig war. So hat man bei der Nennung von EC Comics, auch wenn es neben Suspense-Stories, Kriegsserien und Science-Fiction gab, unweigerlich den Crypt Keeper, die Old Witch oder den Vault Keeper vor dem geistigen Auge.       

TASCHEN widmet zum 75. Geburtstag den legendären EC Comics einen unglaublichen XXL-Bildband (ein 29×39,5 cm großes, gebundenes Hardcover mit Lesezeichenband, welches in einem hübsch gestalteten, stabilen Pappkarton ausgeliefert wird), der in der Erstauflage auf 5000 Exemplare nummeriert ist. Über 6 Kilogramm schwer, werden dort auf 592 Seiten die Anfänge (1933-1947) mit M.C. Gaines, dann die Übernahme durch Bill Gaines (1947-1950), die erste Neuorientierung (1950-1954) und die weiterer Entwicklung Richtung MAD (1955-1956) betrachtet. Reich bebildert, findet man eine vollständige Cover-Galerie, einige unzensierte Cover-Motive, die seinerzeit für ihre Veröffentlichung entschärft werden mussten, zahlreiche Skizzen und Entwürfe und vieles mehr! Sehr informativ und lesenswert ist dabei die inhaltliche Abhandlung des EC Comics – und MAD-Experten Grant Geissman, der nicht nur über ein unglaublich fundiertes Wissen verfügt, sondern auch ein besonderes sprachliches Talent zeigt, nicht einfach nur Informationen in sein Essay zu verpacken, sondern auch über eine wunderbare Sprachmelodie verfügt, wobei sein Text auch für diejenigen relativ gut verständlich ist, die nur über eingeschränkte Englischkenntnisse verfügen.

Mit The History of EC Comics präsentiert TASCHEN ein nicht nur für Comic-Fans interessantes und lesenswertes Buch, welches nicht nur aufgrund der Größe und des Gewichts ein echter Brocken ist, sondern auch einen wichtigen und detaillierten Überblick über die Entwicklung der Comics jenseits von MARVEL und DC in den 1940ern und 1950ern bietet. Ein wirklich wundervolles Buch, welches ich unbedingt empfehlen kann!

Christian Funke