Thomas Harris: „Cari Mora“  (Heyne)

Thomas Harris: „Cari Mora“ (Heyne)

Hannibal Lecter hat einen Nachfolger. Er ist erbarmungslos. Und er kann dich fühlen.

Millionen Leser haben das teuflische Spiel zwischen Serienkiller Hannibal Lecter und FBI-Agentin Clarice Starling verfolgt. In der kongenialen Verfilmung mit Anthony Hopkins und Jodie Foster kamen Millionen Zuschauer hinzu. Jetzt ist Thomas Harris zurück und schickt einen Killer ins Rennen, der erneut für schlaflose Nächte sorgt.

Die Schreie einer Frau sind Musik in seinen Ohren. Er ist groß, blass, haarlos, und wie ein Reptil liebt er die Wärme. Menschen begegnen ihm mit Angst und Ekel. Er ist daran gewöhnt. Denn wenn sie das Monster in ihm erkennen, ist es meist zu spät. Bis der Killer sich Cari Mora aussucht. Die junge Frau hat keine Angst vor dem Grauen und wagt es, dem Dämon ins Auge zu blicken.

Thomas Harris, 1940 geboren, begann seine Karriere als Journalist und schrieb hauptsächlich über Gewaltkriminalität in den USA und Mexiko. Danach arbeitete er als Reporter und Redakteur bei Associated Press in New York. Von Thomas Harris sind bislang fünf Romane erschienen, die sich weltweit über 30 Millionen Mal verkauft haben und allesamt verfilmt wurden. Sein größter Erfolg war »Das Schweigen der Lämmer«, das wochenlang die Bestsellerliste der New York Times anführte und als Verfilmung einen Oscar für den besten Film erhielt.

© Heyne/Robin Hill

Meinung zur Veröffentlichung:

Die attraktive Cari Mora ist Haushälterin in der Villa eines Filmproduzenten. Erbaut von Pablo Escobar, kursiert das Gerücht, dass dieser hier seinerzeit große Goldvorräte versteckt hat. Grund genug für den Kriminellen Hans-Peter Schneider, sich mit seinen Handlangern einzunisten und den Schatz zu suchen. Doch Schneider ist nicht nur an dem Gold interessiert…   

Der 1940 in Jackson, Mississippi geborene Thomas Harris ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, der weltweit bekannt wurde mit seiner Roman-Tetralogie um den berühmten Serienmörder Hannibal Lecter. Harris sticht nicht durch einen besonders hohen Output an Romanen hervor, so veröffentlichte er in den Jahren 1975 bis 2006 lediglich fünf Bücher, von denen sich vier mit dem bekannten Serienmörder befassen. Für seinen neuen Roman Cari Mora ließ er sich 13 Jahre Zeit, womit er sogar George R. R. Martin locker in die Tasche steckt. Nun stellt sich die Frage, wie ein Schriftsteller, der das Genre des hochintelligenten und eiskalt kalkulierenden Serienmörders definierte und mit seiner Figur des berühmten Psychiaters und kannibalistischen Serienmörders auf ein erzählerisch außergewöhnliches Niveau anhob, dieses mit einem neuen Roman und neuen Charakteren toppen kann. Denn zahlreiche seiner Kolleginnen und Kollegen haben dieses Figurenmuster kopiert und verfeinert, so dass man hier nicht viel Neues zu erzählen vermag. Ich war also gespannt, ob seine neue Killerfigur (denn sind wir mal ehrlich, in solchen Romanen interessieren einen die Psychopathen mehr, als die Helden*innen) an das große Vorbild heranreicht. Seine Hauptfigur ist der haar,-skrupel,- und empathielose Hans-Peter Schneider (hätte als Buchtitel allerdings deutlich weniger spektakulär geklungen), ein Deutscher, der sich an der Küste Floridas aufhält und es liebt, sich in weißen Latexanzügen an seine schlafenden Opfer anzuschleichen, nach Schwefel riecht und gerne „Kraut und Rüben haben mich vertrieben.“ (ein Volkslied von Johann Sebastian Bach) singt. Klingt komisch? Ist es auch. Denn so spannend sich Teile der Geschichte lesen, kommt man nicht umhin, dass Harris hier viele Versatzstücke zusammensetzt, die man aus diversen anderen Geschichten bereits kennt, diese hier jedoch mit einem ausgesprochenen Hang zum blumigen Klischee verarbeitet. Seine ehrgeizige Heldin Caridad „Cari“ Mora ist tough, kampferprobt, bildhübsch und blickt auf eine harte, aber lehrreiche Kindheit zurück. Seine Gangster, in der Regel die Handlanger Schneiders, sind tumbe Schläger, die Spaß an Gewalt, grausam ausgeführtem Mord und Vergewaltigung haben, während die Geschäftsleute käuflich und skrupellos und die ihnen gegenüber stehende ärmliche Bevölkerung aufrecht und im Kollektiv stark sind. Nein, hier werden nur wenige Klischees ausgelassen. Trotzdem muss man der Geschichte zugute halten, dass sie straff aufgebaut und dynamisch geschrieben ist, so dass es kaum Leerlauf gibt. Manchmal schweift der Autor in seinen Beschreibungen ab, genießt das Name-dropping und liebt die detaillierte Beschreibung von Grausamkeiten. Cari Mora ist kurzweilig, wendungsreich und im Gesamteindruck gut lesbar, aber irgendwie hatte ich nach der langen Pause in Allem etwas mehr erwartet.                

Cari Mora (Originaltitel: Cari Mora, USA 2019) erscheint als gebundenes Hardcover in einer Übersetzung aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya bei Heyne (336 Seiten, €22,00). Neben dem 268 Seiten starken Roman befindet sich eine Danksagung des Autors und eine umfangreiche Leseprobe seines größten Erfolgs Das Schweigen der Lämmer im Buch.    

Nein, mit Cari Mora wird Thomas Harris den Erfolg von Das Schweigen der Lämmer nicht wiederholen können. Aber nichtsdestotrotz ist sein neuer Roman trotz des Hangs zur blumigen Übertreibung und dem Faible zum liebevollen Klischee ein spannender, rasanter und zum Teil auch überraschender Roman, der gut unterhält.     

Christian Funke