Tilman Birr - On se left you see se Siegessäule – Erlebnisse eines Stadtbilderklärers (Manhattan)

Tilman Birr – On se left you see se Siegessäule – Erlebnisse eines Stadtbilderklärers (Manhattan)

Was machen junge Poetry Slammer, die schon ihre eigene Lesebühne gegründet haben (Frankfurter „Lesebühne Ihres Vertrauens“), festes Mitglied der Berliner „Samstagsshow“-Lesebühne sind und regelmäßig mit ihrem Kabarettprogramm durch die Republik touren? Sie schreiben einen Roman!

Auf Grund der großen Praxiserfahrung des Autors im pointierten und schlagfertigen Wortwitz erwartet man dann als Leser natürlich auch einen überbordenden, sprachlich ausgefeilten und humortechnisch treffsicheren Debütroman. Man ist als Leser also gespannt, was man bei dem Romandebüt von Tilman Birr zu erwarten hat. Das Buch heißt On se left you see se Siegessäule – Erlebnisse eines Stadtbilderklärers, und zeigt uns einen Mann, den Autoren, der jung ist und Geld braucht. Da er in Berlin wohnt, und nicht auf den Mund gefallen zu sein scheint, entschließt er sich, Stadtführer zu werden, nur nennt man das hier anders, nämlich „Stadtbilderklärer“. Diese Arbeit übernimmt er auf einem Spreedampfer (wobei ich jetzt weiß, dass man nicht Dampfer sagt, denn es handelt sich hier nicht um Dampfbetriebene Schiffe!). Man merkt also recht schnell, die Lektüre ist nicht nur humoristisch, nein, man lernt als Leser auch noch was! Man begleitet den jungen Mann bei seinen Erlebnissen, und schnell wird auch dem Letzten klar, dass die Arbeit als Stadtbilderklärer kein Leben auf dem Ponyhof ist, denn die Tourismusbranche, und in diesem Buch vor Allem die Berliner Tourismusbranche, ist ein Kampfschauplatz, wo mit besonders harten Bandagen gekämpft wird. Ob es sich um allgemeine Kommunikationsprobleme mit süddeutschen Reisenden handelt, die man im allgemeinen Sprachgebrauch ohne Untertitel kaum verstehen kann (hier wird besonders erhellend erklärt, welche Form von korrekter Fremdenfeindlichkeit, beziehungsweise Rassismus, die tolerierbare – zum Beispiel die Fremdenfeindlichkeit und die Vorurteile gegenüber Schwaben – und welche nicht akzeptabel ist – nämlich jede restliche Form von Rassismus!), oder der Kampf mit den Launen des wechselhaften Wetters. Auch bei Sturm und Hagel wollen die Besucher unterhalten werden, und es ist sogar möglich, eine Gruppe gelangweilter, vor sich hin pubertierender Jugendlicher zu motivieren. Aber nicht nur der alltägliche Kampf unter erschwerten Bedingungen, sondern auch die intellektuelle Beweglichkeit wird in diesem Berufszweig immer wieder aufs Neue herausgefordert. Oder wie beantwortet man Fragen wie zum Beispiel „warum hat Hitler die Mauer gebaut?“, oder „war Berlin wirklich die Hauptstadt Russlands?“, ohne den Kopf monoton an die nächstbeste Wand zu schlagen?

Tilman Birr

Man merkt als Leser die Begeisterung des jungen Autoren und Kabarettisten Tilman Birr, alltägliche Absurditäten zu registrieren und festzuhalten, aber auch das große Talent, diese sprachlich pointiert und herrlich überspitzt aber immer leicht und locker konsumierbar auf die Leserschaft loszulassen.
Man begleitet den Protagonisten dank der lebendigen Beschreibungen nicht nur bei seinem beruflichen Alltag, sondern erlebt ihn auch in privaten Situationen, und dadurch entsteht durch die einzelnen Anekdoten ein Gesamtbild, welches sich dem Leser lebhaft darstellt. Dass es dabei nicht nur witzig und kurzweilig ist, sondern auch die nachdenklichen oder sogar poetischen Momente aufkommen, macht den Roman zu einer mehrschichtigen und ganzheitlichen Lektüre.

Tilman Birr, Jahrgang 1980, begann seine Kariere, wie eingangs erwähnt, als Poetry Slammer. Auf der von ihm 2002 gegründeten Frankfurter Lesebühne präsentierte er von ihm geschriebene Texte und komponierte Lieder, liest aber auch auf allen Bühnen im deutschsprachigen Raum.
Sein erstes Soloprogramm, Das war hier früher alles Feld, mit dem er auf Tour ging, und welches neben Geschichten, Stand-Up-Nummern auch kabarettistischen Lieder beinhaltet, brachte ihm 2008 den Münchner Kabarett Kaktus ein. Sein Faible für seltsame Länder, absurde Situationen und komische Menschen merkt man seinen Texten, und nun geballt in seinem Buch On se left you see se Siegessäule – Erlebnisse eines Stadtbilderklärers an. Charmant, bissig, rotzfrech und teils sehr hintergründig begeistert dieser Roman von der ersten bis zur letzten Seite!

Buchtrailer

Christian Funke-Smolka