Tony O’Neill - Sick City  (Heyne Hardcore)

Tony O’Neill – Sick City (Heyne Hardcore)

Das Los Angeles nicht nur die Stadt der Engel ist, muss der drogenabhängige Jeffrey auf die harte Tour erfahren.
Als er seinen Liebhaber, den durch Korruption gut betuchten ehemaligen LAPD Cop Bill, tot im Bett vorfindet, gerät seine Welt aus den Fugen. Im Safe findet er Bargeld, etwas Heroin, eine Waffe und einen ominösen Film, der jedoch wahres Dynamit ist: enthält er doch einen Amateurporno, der in Sharon Tates Villa gedreht wurde, und eine hohe Anzahl damaliger Hollywoodprominenz in Aktion zeigt. Zusammen mit Kumpel Randal, einem verkorksten Filmproduzentensohn, sucht man nun einen zahlfreudigen Kunden für dieses spezielle Filmchen!
Da wir uns als Leser jedoch in einem durchgeknallt-irrwitzigen Pulp-Trip von einem Action-Trash-Roman befinden, kann dieser Plan einfach nicht funktionieren, sondern muss zwangsläufig in einer wahnwitzigen Explosion von Sex, Gewalt und übermäßigem Drogenkonsum zum Schaden aller Beteiligten vor die Wand fahren….

Heyne Hardcore ist nicht nur das Verlagslabel, welches sich auf kontroverse und kritische Bücher teils unbequemer Autoren eingelassen hat, es bietet auch den „jungen und wilden“ Autoren ein Zuhause!
Hier ist es Tony O’Neill, Jahrgang 1978, der sich als Musiker in diversen Szene-Punk-Bands (zum Beispiel bei The Brian Jonestown Massacre oder als Keyboarder bei Marc Almond) einen Namen gemacht hat, und nun als Autor Erfolge verbuchen kann. Seine eigenen Drogenerfahrungen verarbeitete er in seinem Debütroman Digging the Vein. Sick City ist sein mittlerweile dritter Roman. In New York lebend, schreibt er gerade an einer Fortsetzung namens Black Neon.

Drogenkonsum wird in der Literatur oftmals, aus Mangel an eigenen Erfahrungen des entsprechenden Autors, nur abstrakt und überzeichnet beschrieben, hier sieht man dann als Leser im direkten Vergleich, welcher Schriftsteller recherchiert, und welcher konsumiert hat. Aus diesem Grunde sind Bücher von Irvine Welsh oder William s. Burroughs in ihrer drastischen Art so authentisch und quasi fühlbar.
Hier reiht sich nun auch sowohl sprachlich wie auch inhaltlich der junge Autor Tony O’Neill ein, der die Protagonisten seiner Geschichte so ziemlich alles konsumieren lässt, was die Drogen- und Pharmaindustrie zu bieten hat.
Seiner Erzählung angemessen ist er auch stilistisch sprunghaft, nutzt die Sprache der Straße zwar eloquent aber trotzdem rüde und hart, springt zwischen Sätzen und Handlungsorten und von Trip zum Entzug zurück zum nächsten Trip hin- und her wie ein sprachgewordener Flummi.

Tony O’Neill

Dabei merkt man in nahezu jeder Zeile, dass der Autor weiß, wovon er schreibt. Seine beiden Protagonisten sind überspitzte Versionen seiner selbst, die Situationen durchleben, die auch dem Autoren widerfahren sind oder sein könnten.

Hier vorliegend haben wir die Taschenbuchausgabe (Heyne Hardcore, 400 Seiten, €8,99), welche zwar nicht die genialen Illustrationen von Michel Cassarramona, dafür aber als Bonus die Kurzgeschichte Freitag Nach in Pacos Crack Haus von Tony O’Neill beinhaltet. Jedoch ist Sick City nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch ein echter Hingucker! Das geprägte Cover sieht aus wie ein Pop Art-Motiv der 70’er Jahre, im Text selber sind die Kapitelzahlen in prägnantem Fettdruck, der Hammer jedoch ist, dass alle im Text auftauchenden Markennamen im Original-Logo eingefügt wurden. Somit wird schon visuell aufgezeigt, wohin der Weg führt! Sick City ist wild, frisch und irrwitzig, Pulp und Noir treffen auf Pop Art mit einem Schuss Bukowski und Raymond Chandler. Wer Spaß an einem literarischen Pendant zu Tarantino & Rodriguez hat, der sollte sich schnellstens das sleazige Sick City zulegen!!!!

Christian Funke-Smolka