“Zauber der Schrift” (TASCHEN)

“Zauber der Schrift” (TASCHEN)

Autografen, die handschriftlichen Spuren, die ein Mensch hinterlassen hat, sind als unmittelbare Zeitzeugen aussagekräftige biografische Quellen. Grafologen und Psychologen extrahieren allein aus einer Unterschrift mitunter ganze Persönlichkeitsprofile, und auch der Laie schaut gerne mit Neugier und detektivischem Ehrgeiz auf das Schriftbild, bisweilen auch die Klaue (muss ein Genie sein!) prominenter Persönlichkeiten

Der brasilianische Schriftsteller, Verleger und Sammler Pedro Corrêa do Lago hält zwar nicht viel von der Grafologie, sammelt aber Autografen seit seiner Jugend mit einer Besessenheit, die ihm selbst nicht ganz geheuer ist: „Eigentlich müsste ich in einer Zwangsjacke stecken!“ Im Laufe eines knappen halben Jahrhunderts hat er eine Sammlung zusammengetragen, die alle Dimensionen sprengt – sie umfasst rund 100.000 Dokumente: Briefe, Notizen, Tagebuchseiten, signierte Fotografien, Partituren, Manuskripte, Widmungsexemplare und andere handschriftliche Zeugnisse, von einem mittelalterlichen Pergament, das vier Päpste unterzeichneten, bis zu einer Buchwidmung inklusive Daumenabdruck von Stephen Hawking aus dem Jahre 2006

Die für diesen Band ausgewählten 140 Dokumente aus fast 900 Jahren stammen von Menschen aus Politik, Literatur, Kunst, Philosophie, Film, Musik und Wissenschaft, die ihren Platz im Who’s Who der Geschichte behauptet haben und nicht im Meer des Vergessens untergegangen sind: Briefe von Lucrezia Borgia, Vincent van Gogh, Franz Kafka und Emily Dickinson, kommentierte Skizzen von Michelangelo, Jean Cocteau, Henri Matisse und Jackson Pollock, signierte Fotografien von Oscar Wilde, Rasputin, Emiliano Zapata, Sun Yat-sen, Josephine Baker und Allen Ginsberg, Handschriften von Giacomo Puccini, Jorge Luis Borges und Marcel Proust und viele Zeitzeugnisse mehr, darunter auch ein signierter Handabdruck von Antoine de Saint-Exupéry

Zauber der Schrift bietet spannende, manchmal anrührende und mitunter verblüffende Einblicke in das Tun und Treiben prominenter Persönlichkeiten der westlichen Kultur und öffnet über den persönlichen Schriftzug im Idealfall einen Zugang zu einer privaten, intimen Welt, die uns sonst verborgen bliebe.

Pedro Corrêa do Lago ist ein brasilianischer Kunsthistoriker und Kurator, der eine der weltweit größten Privatsammlungen handschriftlicher Briefe und Dokumente aufgebaut hat. Er ist Verfasser von mehr als 20 Büchern über Handschriften und brasilianische Kunst und war von 2003 bis 2005 Direktor der Nationalbibliothek Brasiliens. Zusammen mit seiner Ehefrau Bia gründete er 2002 Capivara, einen Kunstverlag, der sich auf die Werkverzeichnisse von in Brasilien aktiven Künstlern spezialisiert hat. Corrêa do Lago hat mehrere Ausstellungen kuratiert und ein illustriertes Buch zu seiner Sammelleidenschaft mit dem Titel Schriftstücke (2005) veröffentlicht.

© TASCHEN

Meinung zur Veröffentlichung:

Sammlung Pedro Corrêa do Lago

Der im März 1958 geborene BrasilianerPedro Corrêa do Lago ist ein Kunsthistoriker, der einer ganz besonderen Leidenschaft nachgeht. Seit seiner frühsten Jugend sammelt er Autografen. Mit 17 Jahren, er hatte bereits ein paar hundert Originale zusammengetragen, besuchte er die Morgan Library & Museum in New York und blickte ehrfurchtsvoll auf die dort ausgestellten Schätze. Originale Partituren von Mozart und Beethoven, Briefe von Dickens und Wilde, für ihn die wahrscheinlich wichtigsten Manuskripte, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Nie hätte er sich erträumen lassen, dass hier vier Jahrzehnte später eine Auswahl seiner Sammlung ausgestellt werden würde.

Schon früh merkte er, dass das leidenschaftliche Sammeln von Originalmanuskripten sein Leben belebt, weckte es doch die Neugier auf Menschen und Fakten. Hatte er ein Original ergattert, sammelte er alle Informationen zu der hinter der Handschrift stehenden Person oder studierte interessiert den neu erworbenen Schatz. Die Leidenschaft für Manuskripte prägte sein leben und seine Karriere in unfassbarem Ausmaß, wie er es in seinem Essay darstellt. Ein halbes Jahrhundert und etwa 100.000 Dokumente später ist er der Besitzer der wahrscheinlich weltweit größten Sammlung originaler Briefe, Notizen, Tagebuchseiten, signierte Fotografien, Partituren, Manuskripte, Widmungsexemplare und andere handschriftlichen Zeugnisse.

Eine große Herausforderung der New Yorker Ausstellung sollte es sein, sich aus seiner unglaublich großen Sammlung auf weniger als 150 Exponate zu beschränken und diese entsprechend sorgsam auszuwählen. Gemeinsam mit Herausgeber und Kunstredakteur Julius Wiedemann erscheint bei TASCHEN nun der ansprechend gestaltete, in Leinen gebundene Kunstband Zauber der Schrift (464 Seiten, 17x24cm, €30), der 140 Dokumente aus fast 900 Jahren beinhaltet. Ergänzt werden diese interessanten Einblicke in die verschiedenen Autografen mit interessanten Essays von Vik Muniz, Christine Nelson, Declan Kiely, Pedro Corrêa do Lago und einem Vorwort von Colin B. Bailey, so wie Literaturhinweisen und Danksagungen.

Der Geist bildet die Hand, die Hand bildet den Geist

(Henri Focillon, Lob der Hand, 1934)

Wer schon immer wissen wollte, wie die Schrift von Marie Antoinette, Mata Hari, Leo Trotzki, Charles Darwin, Stefan Zweig, Lucrezia Borgia, oder die Unterschrift von Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Alfred Hitchcock, Walt Disney (mit Mickey Mouse – Skizze) oder den Marx Brothers aussah, der kommt an diesem wundervoll gestalteten, hochinteressanten und reich bebilderten Buch nicht vorbei!

Christian Funke