360 - Jede Begegnung hat Folgen  (Prokino)

360 – Jede Begegnung hat Folgen (Prokino)

91ct3EOQZ1L._AA1500_Ein Mann beschließt während einer Geschäftsreise, nicht fremdzugehen – eine Entscheidung, die eine Reihe dramatischer Ereignisse rund um den Erdball nach sich zieht.

Über Paris, London, Bratislava, Denver, Berlin und Wien vernetzt vom Gangsterboss bis zum gottesfürchtigen Zahnarzt verschiedenste Charaktere zu einem überraschenden Befund von Liebe und Sex am Beginn des 21. Jahrhunderts. Alle sind getrieben von Wünschen und Sehnsüchten; sie lieben, träumen, sind glücklich oder traurig, rastlos auf der Suche und voller Widersprüche. Dabei offenbart sich nur langsam das komplette Ausmaß der Verwicklungen, die sich unausweichlich zu einem packenden Finale zuspitzen. Ein Blick auf die moderne Welt wie durch ein faszinierendes und mitreißendes Kaleidoskop.

Ein Film von Fernando Meirelles (City of God) mit Anthony Hopkins, Rachel Weisz, Jude Law , Ben Foster und Moritz Bleibtreu.

Meinung zum Film:

Fernando Meirelles (Der ewige Gärtner) ist ein aus Brasilien stammender Regisseur, der für seinen viel beachteten Film „City of God“ neben diversen anderen auch eine Oscar©-Nominierung erhielt. Der Mann, der von sich behauptet, „Gewaltfilme zu hassen“, aber sich nicht scheut, die „Ästhetik der Gewalt“ zu bebildern, zeigt sich als einer der intensivsten Filmenden des aktuellen anspruchsvollen Kinos. Jedoch lässt er sich zwischen seinen Beiträgen Zeit, den jeweils nächsten Film adäquat vorzubereiten. So liegen zum Beispiel zwischen seinem Werk „Die Stadt der Blinden“ und seinem aktuellen Beitrag 360 knapp vier Jahre. Was wir in 360 erleben, ist eine episodenhaft inszenierte, weltumspannende emotionale 51AjXNa3xdLAchterbahn, die trotz der fragmentarischen Form am Ende ein komplex zusammengefügtes und stimmiges Gesamtbild ergibt.

In neun Episoden, inspiriert durch Arthur Schnitzlers Klassiker „Der Reigen“, wirft der Regisseur einen emotional intensiven Blick auf das Miteinander in einer modernen Gesellschaft. Die Entscheidung des britischen Geschäftsmannes Michael Daly (Jude Law), seine Frau Rose (Rachel Weisz) auf seiner Dienstreise nicht mit der slowenischen Escort-Dame Mirka (Lucia Siposová) zu betrügen, löst dabei eine wahre Kettenreaktion von unterschiedlichen Ereignissen aus.

Virtuos springt der Film nahezu plan- und ziellos zwischen den einzelnen Ereignissen hin- und her, präsentiert eine erst unübersichtlich wirkende Schar unterschiedlicher Charaktere, deren Schicksale jedoch alle durch einen (teils auch nur sehr kurzen) Berührungspunkt zusammenhängen. Auch wenn sich die Episoden um die klassischen Themen wie „Neuanfang“, „Verzweiflung“, „Enttäuschung“ oder „Verlust“ drehen, ist der zentrale Punkt einer jeden Begegnung die Liebe oder die Sehnsucht nach ihr. Das macht 360 zu einem Werk über Emotionen und Umgangsformen in einer vernetzten Gesellschaft, bei deren Schnelllebigkeit nicht jeder mithalten kann und letztendlich auf der Strecke bleibt.
Dies spiegelt sich auch in der Charakterisierung der einzelnen Figuren wider, deren Skizzierung oftmals blass bleibt, für den Zuschauer an manchen Stellen wenig greifbar, dabei aber trotzdem schnell Sympathien erweckt, da die Personen alle ihre Schwächen haben, die ihnen menschliche, authentische, für jeden nachvollziehbare Züge verleihen.

360 von Fernando Meirelles erscheint bei Prokino und präsentiert dem Zuschauer eine Riege von beeindruckenden Schauspielern, die allesamt hervorragende, völlig uneitle Darstellungen ihrer Charaktere liefern und sie dadurch umso realistischer wirken lassen. Der Film ist virtuos und bildgewaltig inszeniert und auch wenn nicht jede Episode zu überzeugen weiß ist der Gesamteindruck ein wahrlich lohnendes, nachdenklich stimmendes Filmerlebnis, das man sich unbedingt anschauen sollte.

Christian Funke-Smolka