A Gang Story  (Euro Video)

A Gang Story (Euro Video)

Der ehemalige Polizist, Drehbuchautor und Regisseur Olivier Marchal scheint sich nach Filmen wie MR 73, Gangsters oder 36 – Tödliche Rivalen immer mehr seiner Vision eines perfekten Gangsterdramas anzunähern. Dabei auf die großen Vorbilder des Genres anspielend gelingt es ihm auf der Erzählebene beinahe, die Struktur von Leones Once Upon A Time In America zu erreichen. Geschickt auf verschiedenen Zeitebenen springend kreiert er ein zwar teils verwirrendes aber jederzeit stilsicheres und fesselndes Bild eines Lebens als Gangster.

Angelehnt an die Biografie des echten Edmond „Momon“ Vidal, der in den frühen 70ern des letzten Jahrhunderts mit seiner „Gang des Lyonnais“ wegen ihrer spektakulären Raubüberfälle zu zweifelhaften Ruhm kam, wird die Geschichte einer klassischen Männerfreundschaft erzählt, die mit den Sünden der Vergangenheit und den Entscheidungen der Gegenwart zu kämpfen hat.
Edmond (von Gérard Lanvin und Dimitri Storoge in den jeweiligen Altersstufen verkörpert) und Serge Suttel (von Olivier Chantreau und Tchéky Karyo dargestellt) kennen sich seit einer halben Ewigkeit. Gemeinsam bauten sie ihre Gang auf, und sind durch eine tiefe Freundschaft verbunden.
Doch nun ist Edmond gealtert und in den vermeintlichen Ruhestand getreten. Sein Freund Serge jedoch verdiente sein Geld mit Drogenhandel, und obwohl er lange Zeit untertauchte, gelang es der Polizei, ihn zu fassen. Dies jedoch kann Edmond nicht hinnehmen, denn seinen Freund im Gefängnis zu sehen ist nicht akzeptabel. Deshalb plant er dessen Ausbruch, auch wenn er sich damit zur Zielscheibe der Ermittler, aber auch den von Serge geprellten Geschäftspartnern macht. Obwohl er gutes mit seiner Handlung erreichen wollte, tritt er unwissentlich eine Lawine an eskalierender Gewalt los, die auch Unschuldige in ihren Strudel zieht.

Marchal bewegt sich sehr sicher auf dem Parkett des gehobenen Gangsterdramas. Sehr stylisch, wild und temporeich gelingt ihm ein tiefgehendes Porträt zweier Männer, die durch eine innere Verbundenheit über Jahrzehnte zueinander halten. Hier wechselt der Regisseur geschickt die Erzähl- und Zeitebenen, nutzt dabei neben klassischen Strukturen auch die Form der visuellen Überblendungen und fordert dadurch beim Zuschauer eine hohe Aufmerksamkeit, die er auf Grund der fesselnd erzählten Geschichte jedoch auch erhält.
Neben der grandiosen Inszenierung, die sich auffallend aber geschickt bei den visuellen Motiven der klassischen Vorbilder bedient, punktet A Gang Story jedoch durch seine charismatischen Darsteller. Lanvin und Karyo besitzen hier eine beinahe hypnotische Wirkung, die Kamera verweilt auf ihren zerfurchten Gesichtern, die ohne große Dialoge mehr durch ihre minimalistische Mimik und ihre angespannt wirkende Körperhaltung kommunizieren. Das ist fesselndes Schauspiel auf hohem Niveau, welches vom Regisseur auch bewusst genutzt und mit der Kamera geschickt eingefangen wird!

Hier vorliegend hatte ich eine Presse-DVD von Euro Video, die neben dem Hauptfilm den Originaltrailer beinhaltete.

A Gang Story ist ein episch erzähltes Drama einer Freundschaft, bei der letztendlich keiner gewinnen kann, und die auf Grund der gemeinsamen Vergangenheit in blutiger Gewalt enden muss. Hier gibt es kein Vergeben und keine Erlösung, und obwohl A Gang Story inszenatorisch der aus meiner Sicht bisher Zuschauerzugänglichste Film des Regisseurs ist, ist er gleichzeitig auch sein düsterster und kompromisslosester Streifen.
Wer sich für das Genre des harten, komplex erzählten französischen Gangsterfilms begeistern kann, sollte sich also unbedingt A Gang Story anschauen, es lohnt sich.

Christian Funke-Smolka