Agent 6

Agent 6

Tom Rob Smith
Agent 6
(Manhattan)

 

MGB-Agent Leo Demidow ist zurück. Im mittlerweile dritten Buch um den russischen Geheimdienstoffizier führt uns der 1979 geborene britische Autor Tom Rob Smith in die Zeit des kalten Krieges.

Als 2008 sein Debütroman Kind 44 erschien, begleitete der Leser Demidow bei seinen Ermittlungen einer Mordserie an Kindern in de stalinistischen Sowjetunion. Fesselnd und überaus faszinierend beschreibt der Autor darin die Lebensumstände und Konflikte in diesem System, und die auftretende innere Zerrissenheit des ehemals regimetreuen Agenten. Der Roman hatte einen phänomenalen Erfolg, und wurde schon 2009 mit Kolyma fortgesetzt, wo der Leser erneut auf Leo Demidow traf, der mittlerweile mit seiner beruflichen Vergangenheit abgeschlossen zu haben schien, und sich seiner Familie und ihren Problemen widmet. Jedoch holt ihn seine Vergangenheit ein, und er muss sich in die gefährlichste Situation seines Lebens begeben, um seine Adoptivtochter zu retten.

Die Faszination, die die beiden genannten Bücher auf mich haben, liegt darin begründet, das es Smith gelingt, sprachlich komplex, anspruchsvoll und trotzdem flüssig lesbar seine fiktive Geschichte zu erzählen, sich aber an historisch verbürgten Fakten orientiert, und damit einen gesellschaftlichen und politischen Blick auf die Situation dieser Zeit zu werfen. Dies steigert sowohl den Genuss als auch die Spannung, da viele Wendungen der Geschichte politisch oder historisch bezogene sind, und somit der Story eine Tiefe geben!

Ich persönlich konnte es kaum erwarten, den dritten Teil um Leo Demidow zu lesen, denn die beiden, zu Recht vielfach preisgekrönten Vorgänger habe ich verschlungen.

Die Geschichte beginnt in Moskau im Jahr 1950, und unser Protagonist ist noch als Geheimdienstoffizier tätig. Als sich der schwarze amerikanische Sänger Jesse Austin, ein in den USA bei der Bevölkerung wegen seiner kritischen Haltung sehr beliebter, von den konservativen amerikanischen Politkern jedoch streng beobachteter Songwriter, auf Grund seiner kommunistischen Interessen in Moskau zum Besuch anmeldet, wird dies von den dortigen Politikern als große Propaganda-Veranstaltung geplant. Auf dieser Reise trifft er erstmalig auf Leo Demidow, der noch am Anfang seiner Karriere steht.

Tom Rob Smith

15 Jahre später ist Austin ein alter, verarmter Mann in einer amerikanischen Sozialbausiedlung. Als Leos Frau Raisa ein Konzert zur Völkerverständigung organisiert, erinnert sie sich an Austin, und bittet ihn, eine Rede zu halten. Doch bei dieser Rede kommt es zu Unruhen mit mehreren Toten. Man gibt der Organisatorin, Raisa, die Schuld, woraufhin Leo versucht, um illegal vor Ort zu ermitteln. Hierbei wird er jedoch gefasst und nach Afghanistan strafversetzt.

Erneut versucht Autor Tom Rob Smith, mehrere Zeitebenen virtuos zu verknüpfen. Man merkt ihm jedoch leichte Ermüdungserscheinungen an. Wie er in einem Interview bemerkte, wurde er von dem großen Erfolg seines Debüts überrascht, woraufhin er das eigentlich als Einzelroman geplante Kind 44 zu einer Trilogie ausweitete. Da die Fortsetzungen jedoch nun schnell geschrieben werden mussten, ging dies schon in Kolyma etwas auf Kosten der intensiven Atmosphäre gegenüber dem Vorgänger. Dieses Manko findet der Leser nun auch in Agent 6. Intensiv geschrieben, hervorragend recherchiert, und sauber konzipiert wirkt es trotz Allem nicht aus einem Guss. Als Spannungslektüre liest es sich sehr flüssig, doch tritt man einen Schritt zurück, bemerkt man, dass der knapp 550 Seiten dicke Roman eigentlich kaum Handlung beinhaltet, sondern viel mehr ein komplexes Bild seiner Hauptfigur zeichnet. Dies ist für den Leser, der die Vorgänger kennt, gut und interessant, aber für Neulinge ein nahezu unmöglicher Weg des Einstieges. Somit kann ich jedem Interessierten nur raten, zuerst die beiden anderen Romane zu lesen, ehe man sich an den Abschluss der Trilogie macht.
Dann jedoch wird man mit einem Roman konfrontiert, der seiner Figur unglaublich viel an Hintergrundinformationen spendiert, und sie damit dem Leser greifbarer und plastischer gestaltet. Es ist deutlich erkennbar, dass der Autor eine große Zuneigung für seine Figuren verspürt, so detailliert schildert er ihre Lebensumstände. Dies führt dazu, dass das Buch dem Leser viele starke Momente schenkt, auch wenn einiges in seiner Beschreibung zu ausschweifend geraten ist. Alles in Allem ein starker Abschluss einer faszinierenden Geschichte!!!

CFS