Amer – Die dunkle Seite der Träume (Koch Media)

Amer – Die dunkle Seite der Träume (Koch Media)

 

Wir feiern als Genrefreunde mit Amer die Rückkehr des Giallo. Aber Amer, ein franko-belgischer Film aus dem Jahr 2009 von Hélène Cattet und Bruno Forzani, geht noch einen Schritt weiter. Er kopiert nicht einfach die typischen Zutaten dieses etwas in Vergessenheit geratenen Genres, sondern kreiert eine eigene, sehr hypnotische Form der Erzählweise, die sich von allen gängigen Methoden löst, und dadurch den Zuschauer zwar fordert, aber mit einem so nur sehr selten erlebten Filmerlebnis beschenkt. Nur sehr selten bekommt der Zuschauer die Geschichte über den einfachen Dialog mitgeteilt, eher verlassen sich die Filmemacher auf den visuellen Transport ihrer Botschaft, und hier liegt der Schwerpunkt von Amer, die visuelle Offenlegung eines psychologischen Traumas an Hand psychotronischer Bilder, die stark an den Experimentalfilm der 70er erinnern.

Schwer fällt es mir, einen kurzen Überblick über die Geschichte zu geben, denn die Betrachtung dieser lässt eigentlich unzählige Schlüsse und Interpretationsmöglichkeiten zu, so dass jeder Zuschauer eigene Wege der Aufnahme des Filmes für sich finden wird, wenn nicht sogar finden muss.
Im Groben ist der Film in drei Akte aufgeteilt, wobei sich der erste Akt der etwa neunjährigen Ana widmet, welche in einem Elternhaus heranwächst, welches für das Kind eine unheimliche Atmosphäre bietet. Der Großvater, anscheinend jüngst verstorben, liegt aufgebahrt in Haus, man erlebt aufgebrachte Eltern, welche wütend zu sein scheinen, erlebt schattenhafte Wesen, die nur ansatzweise erahnt werden, und sieht durch die Augen des Kindes, die ihre Eltern zufällig beim Geschlechtsverkehr beobachtet. Alles ist in einer verzerrten Optik in prägnanten Farben gefilmt, die Konzentration liegt hier extrem auf übertönende Geräusche und Musik so wie des ungewöhnlichen Blickwinkels.
Im zweiten, recht kurzen Akt erleben wir die jugendliche Ana, welche ihre erwachende Sexualität spürt. Man spürt die innere Zerrissenheit der Person, welche sich auf der einen Seite von den Eltern entfernt, auf der anderen Seite aber immer noch mit diesen kooperieren muss, sich aber gleichzeitig mit dem eigenen Körper und dessen Wirkung auf Andere auseinanderzusetzen versucht.
In Akt drei kommt die mittlerweile erwachsene Ana zurück in das leere Elternhaus. Erinnerungen und Fantasiewelten wirken auf sie (und den Zuschauer) ein, verwirren die Wahrnehmung, und lassen die Grenzen zwischen Lust und Gewalt verschwimmen. Explizite Bilder prallen in Bruchstücken auf den Betrachter ein, und verwischen die Realität.

Amer ist ein Film, der erlebt werden muss. Versucht man ihm sich über seine Geschichte zu nähern, wird dies den Zugang erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. Nur das öffnen aller Sinne lässt einen die Tiefe des Geschehens fühlen, und gibt dem Zuschauer dann die Möglichkeit, den Film individuell zu verstehen und zu interpretieren. Damit ist er auch kein echter Giallo, da er sich nur der Stilmittel bedient, und diese Versatzstücke aus Bildern, Farben und Musik zu einem Neuen vermengt.
Die Kombination von extremen Nahaufnahmen, einer Argento-ähnlichen Farbgebung und dem Einsatz von teils neuer und teils bekannter Musik (zum Beispiel von Stelvio Cipriano) vermittelt dem Genrefreund eine Gänsehaut nach der nächsten (so erging es mir wenigstens), und dieses Gefühl habe ich in letzter Zeit viel zu selten bei Filmen!

Wer anderes als das Filmliebhaber-Label Koch Media kann solch einen Film veröffentlichen! Die Blu-ray liefert neben einem hochwertigen Bild- und Tonerlebnis auch noch überaus interessantes Bonusmaterial in Form von vier experimentellen Kurzfilmen, welche zwar die Bildsprache Amers nutzen, aber um eines drastischer in ihrer darstellung von Gewalt daherkommen! Faszinierend und absolut verstörend! Zudem gibt es dann noch den Originaltrailer und eine Programmshow.

Amer ist ein Film, der einen unvorbereiteten Zuschauer mit seiner Bilderflut schier erschlagen kann. Kann man sich auf den Film einlassen, bietet einem das Gesehene ein Erlebnis, was lange in Erinnerung bleiben wird. Jedoch werden diejenigen enttäuscht sein, die eine stringente, klassische Geschichte erwarten, denn eines ist klar, in Amer geht Stil über Substanz!
Der Film ist eine Hommage an ein Genre, geht aber noch Schritte weiter, und kombiniert den Giallo mit dem Experimentalfilm, der nahezu komplett auf der Gefühlsebene funktioniert.
Mich jedenfalls hat der Film beeindruckt und begeistert!!!

Christian Funke-Smolka