Clip (Pierrot Le Fou)

Clip (Pierrot Le Fou)

815hnh7fKOL._SL1500_Jasna ist eine hübsche Schülerin aus dem Süden Belgrads. Ihr Familienleben steht nicht gerade für familiäre Idylle: Ihr Vater ist schwer krank und ihre Mutter interessiert sich nicht für das heranwachsende Mädchen. Deshalb verbringt Jasna zunehmend mehr Zeit mit ihren Freundinnen und sammelt auf Partys erste Erfahrungen mit Alkohol, Drogen und vor allem Männern. Dabei trifft sie auf Djole, einen Schulfreund, mit dem sich eine intensive, sexuelle Beziehung entwickelt. Doch Djole, unfähig zu einer echten Bindung, behandelt sie immer mehr wie ein reines Sexobjekt.

Meinung zum Film:

Die etwas älteren Zuschauer werden sich vielleicht noch daran erinnern, als vor etwa zwei Jahrzehnten Larry Clarks „Kids“ für einen weltweiten Aufschrei unter den konservativ-unaufgeklärten Erziehungsberechtigten sorgte. Auch wenn die Thematik nach wie vor erschreckend sein mag, wirkt sie mittlerweile im Vergleich zu den Verhältnissen in so mancher aktuellen Gruppierung der Heranwachsenden ein wenig altbacken. So mag man den vorliegenden Film Clip der serbischen Regisseurin Maja Milos als aktuelle Bestandaufnahme einer Gesellschaft sehen, die emotions- und orientierungslos ihr Leben lebt.

Hauptfigur ist die junge Jasna, intensiv dargestellt von Isidora Simijonovic, die in einer Familie heranwächst, in der jedes Familienmitglied wegen der äußeren und inneren Einflüsse mehr mit sich beschäftig scheint, als sich um den anderen kümmern zu können. Jasna versucht, ihren Weg zu finden, indem sie mit ihren Freundinnen auf vielen Partys abhängt, Drogen konsumiert und erste sexuelle Erfahrungen mit Djole sammelt. Da dieser jedoch zu keinerlei emotionaler Bindung fähig scheint, degradiert er sie immer mehr zu einem reinen Sexobjekt. Doch für Jasna ist dies immer noch besser als die Zustände in ihrem Elternhaus, so dass sie sich immer mehr gefallen lässt und dabei in eine abwärts gerichtete Spirale rutscht.

Clip zeigt, dass es wenig bedarf, um einen intensiven und schockierenden Film zu inszenieren. Zu großen Teilen mit der Handykamera ihrer Protagonistin gedreht, werden hier durch die Aneinanderreihung unterschiedlicher Clips eine Geschichte von Einsamkeit, Depressionen und einer inneren Orientierungslosigkeit erzählt, die in ihrer Nüchternheit extrem schockierend wirkt.71TyGxIB4HL._SL1500_

Die Blu-ray von Clip erscheint bei Pierrot Le Fou in einer soliden Veröffentlichung. Das Bild ist dem Ausgangsmaterial entsprechend qualitativ durchschnittlich bis gut (je nachdem, welcher Kameratyp gerade zum Einsatz kam), der Sound ist klar verständlich und sauber. Im Bonusbereich befindet sich außer einer Programmshow keinerlei Bonusmaterial.

Clip zeigt in einer beinahe dokumentarischen Direktheit das deprimierend authentische Leben der jungen Jasna, die jedoch sinnbildlich für viele junge Menschen dieser Zeit steht. Ein Film, der ohne den erhobenen moralischen Finger eine desillusionierte Gesellschaft portraitiert, die ihre eigenen psychischen Pflegefälle produziert. Ein Film der schmerzt, aber genau deshalb auch so wichtig ist.

Christian Funke-Smolka