"Crash" (Turbine Medien)

„Crash“ (Turbine Medien)

Regie: David Cronenberg

Darsteller: James Spader, Holly Hunter, Deborah Kara Unger, Rosanna Arquette, Elias Koteas, u.a.

Ein Autounfall erschüttert das kalte Gefühlsleben von James Ballard. Autos und Karambolagen werden zur sexuellen Erfahrung und Sucht. Er gerät in die Welt von Fetischisten, die nur ein Ziel haben: mit Autos crashen!

David Cronenbergs skandalöser Seelentrip provoziert durch Gewalt und Sexualität. James Spader (BOSTON LEGAL), Holly Hunter (DAS PIANO) und Deborah Kara Unger (THE GAME) brillieren in diesem genialen Crashkurs in Sachen Perversität (cinema).

© Turbine Medien

Meinung zur Veröffentlichung:

Sex, Cars & Crashes!

Der Filmproduzenten James Ballard (James Spader) und seiner Frau Catherine (Deborah Kara Unger) führen ein monotones, gelangweiltes und von sexuellen Ablenkungen bestimmtes Leben. Doch ein Autounfall, bei dem die Fahrzeuge von James und Helen Remington (Holly Hunter) und ihrem Mann frontal zusammenstoßen, verändert alles. Denn der Zusammenstoß, die Gefahr, der Tod und das Adrenalin wecken in James ungewohnte Gefühle und geben seinem Leben eine Intensität, die er nun mit immer neuen Variationen wiederzubeleben versucht…

Am Anfang stand das Buch… und es galt jahrelang als unverfilmbar. Erst David Cronenberg, durch eine Journalistin auf den 1973 erschienen Roman aufmerksam gemacht, wagte sich nach anfänglichem Desinteresse an eine Adaption. Behandelte der Roman noch die Veränderungen der menschlichen Psyche durch moderne Technologien und Konsumkultur, zeigt Cronenbeg wohlhabende und vom Leben gelangweilte Großstädter auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Dabei gelingt ihm das Unmögliche, Autowahn und Unfälle zu einer sinnlichen, lebensverändernden Erfahrung zu stilisieren, die einem den unvergleichlichen Rausch, den unübertrefflichen Orgasmus zu bescheren. Ein medizinisch-steriler Rausch aus Chrome und sinnlicher Erotik, der gleichzeitig unterkühlt und prickelnd ist. Das stößt ab und wirkt gleichzeitig anregend, ist wunderschön in Szene gesetzt und gerade dadurch so unglaublich verstörend. Natürlich mag es irritieren, dass Menschen sich und ihre Bedürfnisse so schrecklich ernst nehmen, dass sich alles um Adrenalin und Sex dreht, aber gerade in dieser Übertreibung liegt gleichzeitig auch der nicht zu leugnende Reiz dieses Films, der Menschen und ihre Suche nach der Sinnerfüllung in ihrer Übertreibung zeigt und deren (An-)Triebe entsprechend drastisch überhöht.

Begibt man sich auf eine rein sachliche Ebene, bleibt festzustellen, dass Crash in seiner Gesamtheit nahezu perfekt ist. Hier treffen Schauspieler, die ihre unglaublichen Rollen mit einer mutigen Hingabe ausfüllen, auf eine atemberaubende Bildsprache. Auch akustisch wird der Film durch einen hypnotisch-unterkühlten Score von Cronenberg-Wegbegleiter Howard Shore getragen. Cronenberg, der auch hier seinen nicht immer leicht zu identifizierenden Humor präsentiert, macht hier den Zuschauer zum Voyeur, ohne selber die Geschichte explizit voyeuristisch in Szene zu setzen. Ein Meisterwerk, welches auch nach einem knappen Vierteljahrhundert nichts von seiner Wirkung verloren hat.  

Crash (Originaltitel: Crash, Frankreich/Großbritannien/Kanada 1996) erscheint bei Turbine als komplett ungekürzte (NC-17-Fassung) Blu-ray- und UHD-Weltpremiere mit brandneuer 4K-Abtastung vom original Kamera-Negativ unter der Aufsicht von David Cronenberg. Mir stand zur Ansicht das auf 500 Exemplare limitierte Blu-ray/DVD-Mediabook zur Verfügung, welches ein markantes, vieldeutiges Covermotiv von Rosanna Arquettes Hinterteil und einer aus ihrem Schritt herausführenden Autobahn besitzt. Die von mir getestete Blu-ray befand sich in Bild (1,66:1/1080p24 Full HD) und Ton (Deutsch & Englisch – DTS-HD MA 5.1 & 2.0 Surround) auf einem qualitativ sehr guten Niveau. Im Bonusbereich befanden sich umfangreiche und informative neue Interviews von Viggo Mortensen & David Cronenberg, Kameramann Peter Suschitzky, Produzent Jeremy Thomas, Komponist Howard Shore und Casting Director Deirdre Bowen. Dazu gesellten sich kürzere Interviews aus dem Archiv von David Cronenberg, Autor J.G. Ballard, James Spader, Holly Hunter, Deborah Kara Unger und Elias Koteas, ein elfminütiges „Hinter-den-Kulissen“-Special, diverse Trailer und (für mich das Highlight) die drei Kurzfilme The Nest, Camera und At the Suicide of the Last Jew in the World in the Last Cinema in the World. Abgerundet wird diese wirklich wunderbare Veröffentlichung durch ein 40 Seiten starkes Booklet mit Texten von Christoph N. Kellerbach und Stefan Jung. In ihren ausführlichen Essays widmen sich die Autoren dem Film, Virilios Unfall-Forschungen, dem Autor J.G. Ballard und dem Regisseur David Cronenberg. Dazu gibt es einen persönlichen Brief von Ballard an Cronenberg und ein Q&A von David Cronenberg und Robert Lantos.

Mit Crash präsentiert David Cronenberg eine neue, sehr ungewöhnliche Variation seines Body-Horrors. Ein in seiner Gesamtheit klinisch-unterkühlter, gleichzeitig fluoreszierend-erotischer (Alp-)Traum, der in seiner Sinnlichkeit im Kontext seiner Thematik auch heute noch verstörend wirkt. Ein Meisterwerk, welches hier in einer alle Wünsche zufriedenstellenden Veröffentlichung präsentiert wird, die ich jedem unbedingt empfehlen kann!

Christian Funke