Das Auge des Bösen - Filmart Giallo Edition Nr. 1 (filmArt)

Das Auge des Bösen – Filmart Giallo Edition Nr. 1 (filmArt)

Ein Frauenmörder geht um. Die Polizei ist kurz davor ihn zu fassen. Vor Gericht schwört der gewalttätige Psychopath jedem den Tod, der an seinem Prozess beteiligt war. Schuldig gesprochen gelingt ihm die Flucht. Dieses Unterfangen kostet ihn jedoch bei einem Motorradunfall seinen Kopf. Kurz danach scheint der Fluch des Gewalttäters Wirklichkeit zu werden: Grausame Morde geschehen, der Ripper meuchelt weiter! Sein Tatwerkzeug: Ein scharfes Messer!
Besonders das Umfeld eines hiesigen Bordells scheint Schwerpunkt der Verbrechen zu sein. Kann Inspektor Pontaine das blutige Treiben beenden und herausfinden, wer für die immer schrecklicher werdenden Gräueltaten verantwortlich ist?

Meinung zum Film:

auge des bösenDer Giallo, ist laut Wikipedia ein spezifisches italienisches Subgenre des Thrillers, das von Mario Bava in den 1960ern begründet wurde und in den 70ern seinen Höhepunkt hatte. Thematisch orientierte sich das Genre an den literarischen Groschenheften, die gleichzeitig auch auf deren gelben Einband bezogen, den Begriff dieser Filmgattung prägten.
Für den Filmfreund jedoch stellen die Gialli eine wahre cineastische Wundertruhe voller teils noch unentdeckter Perlen dar, die in ihrer Vielfalt oftmals inhaltlich hanebüchen aber visuell absolut berauschend sind (jedoch hapert es manchmal auch daran, was den Unterhaltungswert des entsprechenden Films aber nicht unbedingt mindern muss). Wo sonst findet man eine teils so offen dargestellte Verknüpfung von Morden im Kontext einer psychosexuellen Pathologie, ritualisierte Gewalt mit deutlichen Fetisch-Motiven und das Ganze dargestellt in einer wunderbaren Bildästhetik mit teils waghalsigen Kameraperspektiven und einer halluzinierenden Musikuntermalung. Für den Freund des gehobenen Thrillers finden sich in diesem Genre einige der bahnbrechendsten Filme, die auch aus heutiger Sicht noch immer wahre Meisterwerke sind (die alten Argentos, „Blutige Seide“ oder der eher als Huldigung zu sehende, wesentlich aktuellere Film „Amer“) und stilistisch gerne von anderen Filmschaffenden kopiert werden.

Das Label filmArt scheint sowohl das Genre, als auch dessen Freunde zu schätzen, denn anders lässt sich solch eine liebevolle und wirklich gelungene Veröffentlichung wie die hier vorliegende nicht erklären! In der filmArt Giallo Edition Nr. 1 präsentieren sie eine der eben erwähnten Perlen des Genres, nämlich den Film Das Auge des Bösen, der angeblich auf eine Geschichte Edgar A. Poes basieren soll (der Ärmste rotiert wohl permanent im Grabe, wenn er hört, welche Filme alle auf seine Ideen zurückgreifen).

Regisseur Ferdinando Merighi, geboren 1924 in Rom, war als Regisseur nicht besonders fleißig! Lediglich drei Filme gehen auf sein Regiekonto (ansonsten fungierte er regelmäßig als Second Unit Director bei Filmen, deren Titel alleine schon gerahmt gehören: „Tote faulen in der Sonne“, „Antreten zum verrecken“ oder „Rocco – Ich leg‘ dich um“), wobei der hier vorliegende Das Auge des Bösen wohl sein erfolgreichster war. Sein unterhaltsamster war es aus meiner Sicht definitiv! Man sollte jedoch als Zuschauer nur unter bestimmten Voraussetzungen an die Bewertung gehen, denn seitens Dramaturgie, Szenenaufbau, Schauspielführung und Tricktechnik kann hier nicht mit gängigen Maßstäben bewertet werden. Das bedeutet, dass Menschen, die standardisierte, massenkompatible Blockbuster als Gipfel der Filmkunst ansehen, sich gerne an dieser Stelle ausklinken können, jedoch jeder, der dem etwas abseitigem Filmwerk nicht abgeneigt ist, herzlich eingeladen ist, weiterzulesen!

Das Auge des Bösen ist, ich muss hier leider einmal gnadenlos ehrlich sein, Trash! Herrlicher, extrem unterhaltsamer, liebevoll gestalteter Trash, aber eben Trash. Dazu sogar mit Howard Vernon, Gordon Mitchell, Rolf Eden, Robert Sacchi und Anita Ekberg prominent besetzt und für die deutsche Version sehr gut synchronisiert.
Ferdinando Merighi,der hier offensichtlich auf der Erfolgswelle des Genres mitschwimmen wollte, inszeniert seinen Film dabei jedoch mit der Feinfühligkeit eines freischwingenden Vorschlaghammers. Aus diesem Grunde erreichte er seinen Ruf auch nicht wegen der cleveren Dramaturgie und des konsequent aufgebauten Spannungsbogens, sondern wegen seines sleazigen Grundcharakters und einiger härterer Szenen, hier insbesondere die berühmt-berüchtigte Augenszene! Was aber für den wohl höchsten Unterhaltungswert beim Zuschauer sorgt, sind die eher unfreiwillig komischen Momente. Denn welcher Pathologe, der hier auch noch entsprechend unsympathisch aussieht, hat beispielsweise ein eigenes Labor im Keller, an dem er mal eben an mitgebrachten Schädeln und Augäpfeln herumschnippelt, nur um von einer halbnackten, aufreizenden Blondine, anscheinend seine Ehefrau, gefragt zu werden, ob er denn nicht mit ins Bett wolle, worauf er verneint und sich wieder seinem wahren Objekt der Begierde widmet. Da er anscheinend keine Haustür besitzt, kommt kurze Zeit später ein Ermittler herein und fragt fluffig, ob er den Kopf wieder mitnehmen könne! DAS, liebe Leser, ist wahre Unterhaltungskunst und ein Szenenaufbau in seiner absoluten Vollendung (wenn man drei Bier intus hat). Das krasse aber ist, im Film wimmelt es nur so von solchen großartigen Momenten!

Original-Kinoplakat

Original-Kinoplakat

Der auf 1000 Stück limitierten Veröffentlichung von Das Auge des Bösen durch das Label filmArt gebührt an dieser Stelle ein dickes Lob! Giallo-passende gelbe Hülle mit VHS-Covermotiv, ein interessantes und informatives Booklet von Heiko Hartmann und Bonusmaterial, was den Fan staunen lässt. Neben der ungekürzten DVD-Fassung (86 Minuten) gibt es die deutschsprachige Langfassung, welche mit 79 Minuten aber kürzer ist als die DVD-Fassung. Zudem gibt es alternative Szenen, hier fällt vor allem die alternative „Augen-Szene auf, die zwar stark verrauscht ist, aber eine echte Rarität darstellt, den italienischen Filmanfang und Abspann, eine Bildergalerie und einen Originaltrailer.

Das Auge des Bösen ist ein stylischer Film, der charmant und äußerst unterhaltsam ist (wenn man denn einen entsprechend ausgelegten Filmgeschmack hat), durch eine sehr liebevolle und kompetente Veröffentlichung dem Fan die Freudentränen in die Augen treibt und mich deshalb restlos begeistert hat! Eine Veröffentlichung, die jeder Freund des gepflegten Unterhaltungsfilms in seiner Sammlung stehen haben sollte!

Christian Funke-Smolka