Deep In The Woods (Alamode Film)

Deep In The Woods (Alamode Film)

 

Als ich den Titel Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet las, dachte ich direkt an einen neuen französischen Torture-Film. Aber weit gefehlt! Was dem Zuschauer hier geboten wird ist ein sehr atmosphärischer, ästhetischer Thriller, der im Jahre 1865 spielt.
Wir lernen den jungen Wanderer Timotèe (Nahuel Pèrez Biscayart, El Aura, Glue) kennen, welcher in ein kleines, Dorf kommt, und sich dort als Taubstummer ausgibt. Der ansässige Arzt, Dr. Hughes, gewährt ihm Unterkunft in seinem haus für Kranke und Bedürftige. Dort entdeckt er das junge Hausmädchen Josephine (Isild Le Besco, Die Unsanfte, Ein gutes Herz), welche ihn mit ihrer Schönheit in ihren Bann zieht. Bei einem nächsten Treffen gelingt es ihm, Josephine zu hypnotisieren, und sie sexuell zu missbrauchen. Unter seinem Einfluss folgt sie ihm in die Wälder. Dort muss sie sich ihm immer wieder hingeben. Doch wie weit reichte sein hypnotischer Einfluss? Wurde sie wirklich gegen ihren Willen festgehalten?
Deep in the Woods lässt einen als Zuschauer an vielen stellen ratlos zurück. Regisseur Benoît Jacquot (Schule des Begehrens, Der siebte Himmel) gelingt es, seine Geschichte unglaublich schön zu bebildern, hier wird ein unheimliches Feingefühl für Atmosphäre und Ästhetik gezeigt. Auch die Schauspieler sind beeindruckend. In ihrer Darstellung gehen sie an Grenzen, wie man sie selten in einem Film zu sehen bekommt. Ohne jedes Schamgefühl präsenteren sie ihre Charaktere in einer der Situation angemessenen Offenheit, wie man es selten zu sehen bekommt.

Allerdings ist die Geschichte von Deep in the Woods wie ein loses Bausatzprinzip. Da viele Aspekte der Interpretation des Zuschauers überlassen werden, bleiben zum Ende hin auch einige lose Handlungs- und Erklärungsfäden, die jeder für sich selber zusammenknüpfen muss. Dies bietet zwar viel Spielraum für die eigene Phantasie, ist aber auf der anderen Seite für eine eindeutige Geschichte etwas vage, für manchen Zuschauer wahrscheinlich sogar unbefriedigend.

Die Veröffentlichung aus dem Hause Alamode Film lässt jedoch keinen Platz für Diskussionen. Bild und Ton sind auf höchstem Niveau! Im Bonussektor befindet sich neben einem knapp 20 Minuten langen Interview mit dem Regisseur noch eine Programmübersicht.

Somit ist Deep in the Woods ein faszinierender, zum Nachdenken anregender Film, der seine Geschichte in Bilder Pakt, die den grad zwischen wunderschöner Ästhetik und unangenehm anzuschauender Drastik problemlos meistert. Die klassische Art der Inszenierung erinnert dabei stellenweise an eine Theateraufführung mit überzeugenden und spielfreudigen Darstellern.
Ein echter Bilderrausch aus Frankreich mit einer faszinierenden Atmosphäre!

Christian Funke-Smolka

Trailer