Der Kindermörder - Das Leben des wahren Hannibal Lecter (Schröder Media)

Der Kindermörder – Das Leben des wahren Hannibal Lecter (Schröder Media)

 

 

Albert Fish war Anfang des letzten Jahrhunderts einer der ersten bekannten Serienmörder der USA, und hat wegen seiner skrupellosen Taten, aber vor Allem auch wegen seiner persönlichen, abseitigen Neigungen auch heute noch einen beinahe legendären Ruf.
Weshalb man im deutschen Titel den Zusatz „Das Leben des wahren Hannibal Lecter“ unterbringen musste, bleibt mir ein Rätsel, da die Geschichte um die fiktive Gestalt Lecters nahezu keine Parallelen zur Biografie Albert Fishs aufzeigt. Fish war der erste bekannte, und gleichzeitig einer der bis heute exzessivsten sogenannten polymorphen Perversen (eine Person, die eine Vielzahl von sexuellen Perversionen praktiziert), der seine sadistischen und sadomasochistischen Neigungen sehr früh erkannte. Aufgewachsen in einem Kinderheim erfuhr er körperliche Züchtigungen und Missbrauch von frühster Kindheit an, im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern in dem Heim jedoch, genoss er diese nach eigener Aussage.
Albert Fish war einige Male verheiratet und hatte mehrere Kinder, wurde aber regelmäßig von seinen Ehefrauen verlassen, da diese seinen abartigen sexuellen Wünschen nicht nachgeben wollten.
Berühmt-berüchtigt wurde er wegen der Entführung des zehnjährigen Mädchens Grace Budd, welche er 1928 entführte, missbrauchte, ermordete und dann verspeiste (hier vielleicht die Parallele zu Hannibal Lecter). Er konnte jedoch erst sechs Jahre später gefasst werden, da er einen Brief an die Familie verfasste, in dem er die Einzelheiten der Tat beschrieb, und schilderte, welche Freude er dabei empfunden habe.
Diese Kontaktaufnahme brachte den schon lange Zeit in dem Fall ermittelnden Detective Will King auf seine Spur, der hier trotz der aus heutiger Sicht antiquierten Ermittlungsmethoden die ersten Versuche moderner Kriminalistik ersann und erfolgreich nutzte.
Fish wurde zum Tode verurteilt und 1936 hingerichtet. Berichten zufolge freute er sich auf die Hinrichtung, da dies „der einzige Schauer sei, den er noch nicht ausgekostet habe“. Um diesen „Schauer“ zu verstärken, führte er sich mehrere Nägel und Nadeln in die Genitalien ein, in der Hoffnung, dadurch den Genuss zu erhöhen. Wie schon eingangs erwähnt, es gibt aus meiner Sicht kaum vergleichbare Fälle!

Der vorliegende Film Der Kindermörder ist das Regiedebüt von Scott L. Flynn, dem es schon durch seinen intensiven, sehr atmosphärischen Einstieg gelingt, die Richtung des Filmes vorzugeben. Hier wird man Zeuge der Züchtigungen und unmenschlichen Sanktionen gegenüber den Kindern im Heim, dazu wird geschickt auf den älteren Albert Fish bei seiner Selbstgeißelung übergeblendet. Der Film bleibt dabei sehr atmosphärisch, und schwelgt in seinen wunderbaren Settings, ist in seiner Grundstimmung aber durchweg unangenehm und sehr bedrückend.
Den früheren Taten Fishs wird bei der Verfilmung keine Aufmerksamkeit geschenkt, sondern man beginnt in der Geschichte direkt mit dem bekanntesten Fall dieses Mannes, der Vorbereitung und anschließenden Entführung des Mädchens.
Erfreulicherweise wird auch das Privatleben des Täters detailliert gezeigt, so dass ein komplexes, und zumeist sachliches Bild entsteht, welches sich nicht nur auf die Abscheulichkeiten stürzt. Diese werden visuell nahezu komplett ausgespart, sondern nur angedeutet oder später verbal erklärt. Trotz der Aussparung brutaler Momente ist und bleibt Der Kindermörder ein überaus unangenehmer Film, der sich zu Recht an ein erwachsenes Publikum richtet.

Dem Schauspieler Patrick Bauchau (2012, Dr. House, 24) gelingt das Kunststück, die Rolle des Albert Fish nicht nur überzeugend zu verkörpern, sondern ihr in bestimmten Momenten sogar eine menschliche Note zu verleihen. Dazu verfügt er über die nötige Souveränität, dem Mann die Gelassenheit, vielleicht sogar Eleganz zu geben, die man dem echten Fish nachsagte (schließlich gelang es ihm über Jahre immer wieder, die Leute zu blenden und von sich zu überzeugen).
Positiv zu vermerken ist, dass der Film mehrere Blickwinkel einnimmt, so erinnert die Jagd des Detectives, der bis an seine psychischen und körperlichen Grenzen geht, stark an die Verfilmung Citizen X (welcher sich mit dem russischen Pendant zu Albert Fish befasst).

Die Blu-ray aus dem Hause Schröder Media präsentiert den Film in einer sehr guten Bild- und Tonqualität, leider sind aber keine weiteren Informationen zu den wahren Begebenheiten oder den Dreharbeiten in Form von Bonusmaterial vorhanden.
Viel tragischer ist aber die merkwürdige Synchronisation, welche sehr plump wirkt (so werden zum Beispiel Kinder von mit verstellter Stimme sprechenden Erwachsenen synchronisiert. Andere Sprecher betonen ihre Rollen, als üben sie gerade für eine Laientheatergruppe), und stellenweise nicht mal Lippensynchron ist. Hier gilt es also dringend, sich den Film im Original, notfalls mit Untertiteln anzuschauen!

Der Kindermörder ist ein intensiver Film, der sich sachlich und fesselnd mit der Geschichte um Albert Fish beschäftigt. Ein wenig mehr inhaltliche Tiefe bei der Betrachtung des psychologischen Profils des auch nach über siebzig Jahren schrecklichsten Serientäters der amerikanischen Geschichte wäre wünschenswert gewesen, ist aber zu verschmerzen. Für ein Debüt sehr gelungen inszeniert, ist Der Kindermörder eine interessante Annährung an den Fall Albert Fish, kann aber die wahre Tragik dieser Geschichte auch nur anreißen!

Christian Funke-Smolka