“Der Tod eines Killers“ (Koch Films)

“Der Tod eines Killers“ (Koch Films)

Regie: Don Siegel

Darsteller: Lee Marvin, Angie Dickinson, John Cassavates u.a.

Im Auftrag eines Unbekannten ermorden die beiden Profikiller Charlie und Lee den ehemaligen Rennfahrer Johnny North. Als ihr Opfer sein Schicksal ohne jede Gegenwehr akzeptiert, werden die beiden Männer stutzig und begeben sich auf Spurensuche in Norths Vergangenheit. Sie finden heraus, dass er einst mit dem Gangster Browning zusammenarbeitete und an einem Postraub beteiligt war, dessen riesige Beute bis heute nicht gefunden wurde…

Eastwood-Stammregisseur und Männerfilm-Veteran Don Siegel schuf mit DER TOD EINES KILLERS einen einflussreichen Klassiker des Gangsterfilms, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat. Das raffinierte, wendungsreiche Drehbuch wird abgeschmeckt mit Siegels pechschwarzem, grimmigem Humor und seiner knochentrockenen Inszenierung. Das Sahnehäubchen ist die erstklassige Besetzung: Neben Tough Guy Lee Marvin agieren der großartige John Cassavetes (ROSEMARYS BABY), die eiskalte Angie Dickinson (DRESSED TO KILL) und der spätere US-Präsident Ronald Reagan.

© Koch Films

Meinung zur Veröffentlichung:

Eiskalte Engel

Was passiert, wenn Don Siegel, Regieveteran und Schöpfer kühler Antihelden wie Dirty Harry, eine Kurzgeschichte von Ernest Hemingway, dem Wüstling der amerikanischen Moderne, verfilmen will? Die Antwort: Der Tod eines Killers, ein sehr ungewöhnlicher und doch konsequent düsterer Spät-Noir.

Die Geschichte liest sich auf dem Papier wie ein Auszug aus „Film-Noir für Dummies“, voller typischer Genre-Tropen: Ein einfältiger, aber risikobereiter Mann -in diesem Fall ein mittelprächtiger Rennfahrer namens Johnny North, leidenschaftlich gespielt von John Cassavetes- verfällt einer leidenschaftlich wirkender, aber auch Eiseskälte versprühenden, attraktiven Frau -die Femme fatale wird hier hingebungsvoll und ohne Rücksicht auf Verluste von Angie Dickinson porträtiert. Wider besseren Wissens lässt North sich auf Sheila Farr ein, erhofft sich von der Liaison die Erfüllung seiner Träume, nur um am Ende kläglich zu scheitern.

Wer denkt, dass hier eine ungeschriebene Regel gebrochen und dem Leser das Ende gespoilert wurde, irrt allerdings gewaltig. Denn Siegel gibt dem Aufstieg und Fall Johnny Norths mit der Geschichte zweier Auftragskiller (der legendäre Stoiker Lee Marvin und Clu Gulager, spätere Horror-Ikone) einen narrativen Rahmen, der mit der Exekution des unglücklich Verliebten anfängt und sich dem Zuschauer über eine Reihe von Rückblenden unterschiedlicher Länge und Intensität präsentiert.

Charlie (Marvin) und Lee (Gulager) heissen diese geistigen Vorfahren von Vincent Vega und Jules Winnfield. Ebenso wie Tarantinos schwarzgekleidete Hitmen aus seiner Pulp Fiction, laufen diese beiden selbst am hellichten Tage mit Sonnenbrille herum und vor allem Lee, der jüngere und dynamischere der beiden, verhält sich gerne albern und kindisch, so dass er sich neben Jules und Vincent auch wohlfühlen würde. Die beiden interessieren sich für den von ihnen gerade in einem Blindenheim ermordeten Ex-Rennfahrer, weil Charlie, dem Routinier, an dem Auftrag etwas merkwürdig vorkommt und er das Gefühl hat, dass auch finanziell mehr rausspringen könnte. So machen sich die beiden auf eine Spurensuche in der Vergangenheit Norths auf und stoßen dabei auf eine Geschichte von Habgier, Lust und Eifersucht, in die nicht nur das Sportlergroupie Sheila (Dickinson), sondern auch der Möchtegern-Pate Jack Browning (Ronald Reagan, später US-Präsident) verwickelt sind.

Soweit, so genretypisch. Aufgefrischt wird das allerdings durch unterschiedliche Elemente, deren Siegel sich bedient, um den sonst so düsteren und teilweise drögen Film-noir etwas aufzuhellen. So spielt der Film zumeist in Kalifornien im hellen Tageslicht, wodurch es ihm gelingt, dass viele Szenen eine beinahe eine spürbare Hitze und Trockenheit ausstrahlen. Hinzu kommen durchaus ungewöhnliche Spielorte, wie das bereits erwähnte Heim für Sehbehinderte oder ein Fitness-Studio samt Dampfbad. Der Trumpf schließlich ist aber die Erzählweise, die 30 Jahre vor Tarantino scheinbar Tote Charaktere zu Hauptfiguren werden lässt. Zudem beschäftigt den Zuschauer die Frage, ob das, was ihm und den beiden Auftragskiller dargeboten wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht und nicht eventuell in der nächsten Rückblende, aus der Sicht einer anderen Figur, als Lüge entlarvt wird. Die Unzuverlässigkeit der Erzähler macht den Film interessant und gleichzeitig -aus heutiger Sicht- zu einem Wegbereiter moderner Noir-Erzählungen, wie der bereits erwähnte Tarantino-Klassiker „Pulp Fiction“, Bryan Singers Thriller-Meisterwerk „Die üblichen Verdächtigen“ (1995) oder auch -brandaktuell- Rian Johnsons Detektiv-Groteske „Knives Out“ (2019).

Somit hat Siegel hier zwar keine werkgetreue Adaption von Hemingways Kurzgeschichte aus dem Jahr 1927 abgeliefert, aber dafür genug von dem legendären lapidaren Erzählstil des Autors abgeschaut, um einen sehr soliden Beitrag zur „Schwarzen Serie“ abzuliefern. Dazu perfektionierte er damit seinen eigenen Stil des lakonischen Erzählens, mit dem er nicht nur das Kino der späten 1960er und 70er, sondern auch seinen späteren Lieblingsdarsteller Clint Eastwood in dessen Regie-ambitionen prägen und beeinflussen konnte. Dafür sollten wir ihm dankbar sein.

© Trailer: Criterion Trailer

Dankbar sollten wir auch für diese hervorragende UHD-Umsetzung eines beinahe 60 Jahre alten Films sein. Die bereits erwähnte Hitze, die die Killer auf ihrer Suche nach Wahrheit begleitet, transportiert sich mit Hilfe des neuen Medium in unsere Wohnzimmer. Jeder Schweisstropfen auf der hohen Stirn Lee Marvins glänzt in nie geahnter Perfektion, jede hochgezogene Augenbraue von Ronald Reagan springt förmlich aus dem Bild. Einige wenige Szenen sind etwas weich und unscharf geraten und zwischendurch gibt das Bild ein gewisses Flackern ab, aber insgesamt handelt es sich hier um einen sehr gelungenen Transfer, der das Medium der 4K-Disc gerade für Fans solcher Genre-Klassiker zu einem Non-Plus-Ultra macht. Der Ton ist eine solide Stereoabmischung mit wenig Wucht oder Dynamik, aber da darf man auch wohl nicht mehr erwarten.

Bei den Extras wird vergleichsweise wenig geboten: Ein Trailer, eine Bildergalerie, und ein etwas skurril anmutendes Interview mit Don Siegel, das offensichtlich für ein französisch sprechendes Publikum gemacht wurde (entsprechende Untertitel sind fest) und im Rahmen dessen sich Siegel ähnlich trocken und schonungslos ehrlich im Ton wie seine Filme und deren Protagonisten zeigt, ohne allerdings wirklich Neues von sich zu geben.

Insgesamt also eine willkommene 4K-Aufwertung für einen ungewöhnlichen Thriller, die im Mediabook als Bonus auch noch eine andere, mit Burt Lancaster und Ava Gardner aber nicht minder gut besetzte Verfilmung von Hemingways Vorlage mit an Bord hat: Robert Siodmaks „Die Killer“ (1946).

Martin Sopko & Christian Funke