“Der wilde Planet” (Camera Obscura)

“Der wilde Planet” (Camera Obscura)

In einer fernen Galaxie haben die riesenhaften blauen Draags eine technologisch und spirituell hoch entwickelte Gesellschaft auf dem Planeten Ygam gegründet. Die versehentlich vom Planeten Terra mitgebrachten vergleichsweise winzigen Menschen, genannt Oms, werden von den bösartigen Draags geknechtet. Nach Jahren als „Haustier“ entflieht der Om-Junge Terr dem Draag-Mädchen Tiwa. Ausgestattet mit dem Wissen und der Sprache seiner ehemaligen Herren schließt er sich den wild lebenden Oms in deren Revolte gegen die übermächtigen Draags an. In ihrem verzweifelten Kampf um das Fortbestehen ihrer Rasse kann es nur einen einzigen, aber scheinbar unerreichbaren, Zufluchtsort geben: Der wilde Planet.

Der wilde Planet, hierzulande auch unter dem Alternativtitel Der phantastische Planet bekannt, ist ein surrealistisch-rauschhaftes Zeichentrick-Spektakel, das dank seiner Bildgewalt und seines psychedelischen Jazz-Soundtracks einen hypnotischen Sog entwickelt, dem sich niemand entziehen kann. Dieser phantastische Trip durch eine fremde Welt – zugleich eine politische Parabel von hoher Aktualität – wurde 1973 mit dem Spezialpreis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet. Nun erstrahlt das dystopische Wunderwerk von René Laloux und dem Jodorowsky– und Arrabal-Gefährten Roland Topor erstmals in brillanter HD-Qualität.

© Camera Obscura

Meinung zur Veröffentlichung:

Auf dem Planeten Ygam herrschen die riesigen, blauhäutigen Traag. Sie sind eine sehr fortschrittliche Rasse, die der Raumfahrt in fremde Galaxien mächtig sind. Von ihren Besuchen auf fremden Planeten bringen sie Souvenirs mit, so auch die sogenannten Oms, sehr kleine, menschenähnliche Wesen, die von den Traags aufgrund ihrer unkontrollierbaren Vermehrung mittlerweile als Ungeziefer betrachtet werden, jedoch von einigen als Haustier und Spielzeug gehalten werden. Einer von ihnen ist der Om-Junge Terr, der nach der Ermordung seiner Mutter als Spielzeug der jungen Traag Tiwa dient. Terr ist anders als die meisten Oms, erweist er sich doch als sehr gelehrig und wissbegierig. Doch dies führt dazu, dass er auch einen eigenen Willen entwickelt und aus seiner Gefangenschaft flieht…

Für mich sind die 1970er Jahre das Jahrzehnt des experimentellen, surrealen phantastischen Animationsfilms. Veröffentlichungen, wie sie heute wahrscheinlich nicht mehr möglich wären. Dank Camera Obscura wird mit der tschechisch-französischen Produktion Der wilde Planet, auch bekannt als Der phantastische Planet, einer dieser kleinen Meisterwerke aus der Versenkung geholt und mit einer hervorragenden Veröffentlichung gewürdigt. Basierend auf dem 1957 veröffentlichten Buch Oms en Série von Pierre Pairault schufen der französische Regisseur René Laloux (* 13. Juli 1929; † 14. März 2004) und Drehbuchautor Roland Topor (* 7. Januar 1938; † 16. April 1997) einen kunstvollen und inhaltlich wie stilistisch visionären Zeichentrickfilm, der stilistisch an die eher statisch-wirkenden Animationsarbeiten Terry Gilliams und den Gemälden eines Hieronymus Bosch erinnert, sich jedoch in seinem psychedelisch-popkulturellen Grundtenor an den Werken Jean „Moebius“ Girauds oder Alejandro Jodorowskys orientiert. Topor, der nach eigener Aussage gerne die meiste Zeit des Tages im Bett verbringt, da er hier die besten Ideen habe, verarbeitete für seine Geschichten oftmals Grundgedanken aus seinen (Alp-) Träumen. In Der wilde Planet erleben wir eine Welt voll bizarrer Ideen, fremdartiger Lebewesen und einer oftmals feindlichen Umwelt. Dabei bedient er sich einer zugegebenermaßen etwas plakativen Grundidee der Versklavung und letztendlichen Befreiung durch erworbene geistige Reife, beweist dabei jedoch einen immensen Charme in seiner etwas steif wirkenden Animation und den vor liebevollen Details übersprudelnden Umgebungszeichnungen. Hier gibt es neben offensichtlich farbenfrohen und schönen Bildern immer wieder kleine Details zu entdecken. Ein außergewöhnlicher, bewusst gegen den Massengeschmack schwimmender Film, den man sich, sofern man sich für diese Filmform interessiert, nicht entgehen lassen darf!

 

Trailer ©: TWCfilmevolution

 

Der wilde Planet (Originaltitel: La planéte sauvage, Frankreich 1973) erscheint bei Camera Obscura als nahezu perfekte, auf 2000 Stück limitierte Veröffentlichung im wunderschön gestalteten 3-Disc Mediabook. Damit erscheint der Zeichentrick-Klassiker in Deutschland erstmals legal auf DVD und Blu-ray (Bild: 1,66:1/1080p HD/23,98 fps; Ton: Deutsch & Französisch: LPCM 2.0). Dank der aufwendigen 2K-Restauration liegt der 72 Minuten lange Hauptfilm in einer bestechenden Bildqualität vor (von mir wurde für diese Besprechung die Blu-ray getestet). Hier kann der Zuschauer zwischen zwei farbkorrigierten Filmversionen aus dem Jahr 2016 und 2018 wählen. Zudem ist die Veröffentlichung sowohl auf der Blu-ray, als auch einer separaten Bonus-DVD mit wundervollem Bonusmaterial ausgestattet. Hier findet man die 26-minütige Dokumentation „Laloux Sauvage“ über Regisseur René Laloux, das knapp einstündige Portrait „Topors Träume“ über Roland Topor, den englischen Trailer, eine Fotogalerie und die vier Kurzfilme „Les Escargots“ (1965), „Les Dents du singe“ (1960), „Les Temps Morts“ (1964) und „Comment Wang-Fô fut sauvé“ (1987). Abgerundet wird die Veröffentlichung durch ein reich bebildertes 12-seitiges Booklet vom vielbeschäftigten Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger, der sich in seinem Essay „Der psychedelische Planet“ sehr persönliche Gedanken zu Laloux und Topors Animationsfilm macht.

Der wilde Planet ist kein Film für den breiten Massengeschmack und wirkt für heutige Sehgewohnheiten wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Nichtsdestotrotz übt er auch heute noch dank seiner zeitlosen Geschichte und der liebevoll detaillierten Umsetzung eine unglaubliche Intensität und Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Schön, dass Camera Obscura dieser Perle der Animation eine angemessene Veröffentlichung spendiert und es so dem interessierten Filmfreund ermöglicht, diesen Film für sich zu entdecken.

Christian Funke