Die Koch Media Giallo Collection - Die ultimative Box der blutdürstigen Italiener  (Koch Media)

Die Koch Media Giallo Collection – Die ultimative Box der blutdürstigen Italiener (Koch Media)

Diese Edition enthält drei Klassiker eines Subgenres des italienischen Thrillers, des so genannten „Giallo“ (zu Deutsch: Gelb). Seinen Namen verdankt er der Farbe des Einbands italienischer Groschenromane, seine Markenzeichen sind eine besonders stilvolle Inszenierung, Rasierklingen, schwarze Handschuhe und ausgesprochen schöne Ladies, zu seinen Verehrern gehören u. a. Quentin Tarantino, Brian de Palma und John Carpenter.

Meinung zur Collection:

51Cav49iDcLDer Giallo, ist laut Wikipedia ein spezifisches italienisches Subgenre des Thrillers, das von Mario Bava in den 1960ern begründet wurde und in den 70ern seinen Höhepunkt hatte. Thematisch orientierte sich das Genre an den literarischen Groschenheften, die gleichzeitig auch auf deren farblichen Einband bezogen, den Begriff dieser Filmgattung prägten.
Für den Filmfreund jedoch stellen die Gialli eine wahre cineastische Wundertruhe voller teils noch unentdeckter Perlen dar, die in ihrer Vielfalt oftmals inhaltlich hanebüchen aber visuell absolut berauschend sind. Wo sonst findet man eine teils so offen dargestellte Verknüpfung von Morden im Kontext einer psychosexuellen Pathologie, ritualisierte Gewalt mit deutlichen Fetisch-Motiven und das Ganze dargestellt in einer wunderbaren Bildästhetik mit teils waghalsigen Kameraperspektiven und einer halluzinierenden Musikuntermalung. Für den Freund des gehobenen Thrillers finden sich in diesem Genre einige der bahnbrechendsten Filme, die auch aus heutiger Sicht noch immer wahre Meisterwerke sind (die alten Argentos, „Blutige Seide“ oder der eher als Huldigung zu sehende, wesentlich aktuellere Film „Amer“) und stilistisch gerne von anderen Filmschaffenden kopiert werden.

Liebhaberlabel Koch Media hat sich glücklicherweise dem Giallo angenommen und veröffentlicht seit einigen Jahren immer wieder wahre Schätze dieses Genres in teils grandiosen Veröffentlichungen, die den Film oftmals in einem ganz neuen Glanz erstrahlen lassen. Hier vorliegend haben wir nun eine Collection dreier eher unbekannter und sehr rarer Beiträge, die von Koch Media in einer auffallend gestalteten Box (wer bitte schön ist denn auf den Untertitel „Die ultimative Box der blutdürstigen Italiener“ gekommen?) veröffentlicht werden.411gIX3FOnL

Die Koch Media Giallo Collection beinhaltet folgende Filme, die teilweise erstmals auf DVD veröffentlicht wurden: Tödliches Erbe (L’Assassino ha le mane pulite), Die Waffe, die Stunde, das Motiv (L’Arma, l’ora, il movente) und Femina Ridens (The Laughing/Frightened Woman).
Tödliches Erbe ist aus meiner Sicht der wohl schlechteste Beitrag der Sammlung, liefert er nach einem guten Start doch eher unfreiwillig komischen Dilettantismus. Dies beginnt mit minderjährigen, geistig minderbemittelten Charakteren, die von offensichtlich wesentlich älteren Darstellern verkörpert werden (die Person sieht aus wie 40!!), einer holprigen Charakterisierung der Figuren, einem ziemlich löchrigen Drehbuch und endet bei versehentlich blinzelnden Leichen. Man merkt, hier ist der Unterhaltungs- höher als der Spannungsfaktor! In Ansätzen gelungen weist der Film unter der Regie von Vittorio Sindoni („Auf Messers Schneide“, „Devil’s Hill“), der hier sein Regiedebüt ablieferte, einige gute Ideen und nette Wendungen, aber die Umsetzung ist oftmals sehr unbedarft.
Die Story handelt von einem schwerreichen Familienoberhaupt, welches bei einem Unfall ums Leben kommt. Da das Erbe, welches er seinem behinderten Sohn vermacht, erst bei dessen Volljährigkeit ausgezahlt wird, führt dies erst zu Unmut und später zu vielen Toten, denn die Familie wird nun peu á peu dezimiert.

315zVRuM4KLDa überzeugt Die Waffe, die Stunde, das Motiv von Francesco Mazzei (dies ist sein einziger Film, er schrieb aber zum Beispiel die Drehbücher für „Marschbefehl zur Hölle“ oder „Convoy der Frauen“) deutlich mehr. Eher Drama als Thriller handelt die Geschichte hier von Unterdrückung und Selbstkasteiung, aber auch die Genretypischen Zutaten wie Eifersucht, Erpressung und Verführung dürfen nicht fehlen (zudem gibt es mit einigen nackten Nonnen auch was für das Sexploitation-Herz!). Inhaltlich geht es um einen Priester, der eher wenig auf das Zölibat gab und sich mit zwei Frauen in eine Affäre stürzte. Als er sich von beiden trennen will, wird er brutal ermordet.

Hier nun kommt mein persönliches Highlight: Femina Ridens von Regisseur Piero Schivazappa („Una sera c’incontrammo“, „Angelina“). Die Story ist so herrlich krude und überdreht, dass einem das Herz frohlockt. Die hübsch anzuschauende Maria wird von einem wohlhabenden Menschenfreund zu einem gemeinsamen Wochenende eingeladen. Ein Schelm, der böses dabei denkt, aber Obacht, plötzlich findet sich das Naivchen in einem nett ausstaffierten Folterkeller wieder, der bei „Schöner Wohnen“ keine Chancen gehabt hätte. Aber die geplanten Sado-Maso-Spielchen verlaufen alles andere als geplant…
Wow, das Bild ist für solch einen Film knackig, der Ton, da nie synchronisiert wurde, liegt auf italienisch und englisch mit deutschen Untertiteln vor. Der Film ist dabei weniger Thriller als mehr eine Psychostudie über die Versagensangst des Mannes, der sein Heil in der Unterdrückung der Frau sucht, sich dabei aber einen astreinen Geschlechterkampf liefert. Selten jedoch wurde ausgelebter Sexismus und Sadismus ästhetischer auf die Leinwand gebracht. Toll gefilmt wunderbar geschauspielert und hervorragend von Stelvio Cipriani musikalisch untermalt. Ein Film, der in keiner guten Filmsammlung fehlen sollte!

Die Veröffentlichung aus dem Hause Koch Media ist trotz des etwas reißerisch gestalteten Titelschriftzuges ein wahres Leckerli! Die Filme selber liegen größtenteils in einer sehr guten Bildqualität vor („Die Waffe, die Stunde, das Motiv“ ist etwas farblos, „Femina Ridens“ wiederum ist grandios), die Aufmachung der Box ist wieder sehr gelungen und das i-Tüpfelchen sind die großformatigen Infoplakate mit sehr interessanten und lesenswerten Texten zum jeweiligen Film vom Filmgelehrten Christian Keßler (zu „Femina Ridens“), Christoph Huber (zu „Tödliches Erbe“) so wie Héléne Cattet & Bruno Forzani (zu „Die Waffe, die Stunde, das Motiv“).31YuHfcLa8L

Man kann als Fan streiten, ob es sich hier um eine ultimative Collection handeln mag, die hier vertretenen Film wahre Gialli oder doch nur Randerscheinungen des Genres sind, was man jedoch nicht bestreiten kann, ist der hohe Unterhaltungswert der vorhandenen Beiträge. Gerade für „Femina Ridens“ lohnt sich für den Fan die Anschaffung, aber auch die anderen Beiträge sind teils wirklich gekonnt, teils unfreiwillig unterhaltsam und komisch und machen riesig Spaß!

Christian Funke-Smolka