George A. Romeros “Crazies” (Capelight Pictures)

George A. Romeros “Crazies” (Capelight Pictures)

Regie: George A. Romero

Darsteller: Lane Carroll, Will MacMillan, Harold Wayne Jones, Lynn Lowry

Die US-amerikanische Regierung hat einen biologischen Kampfstoff entwickelt, der infizierte Opfer entweder tötet oder in den Wahnsinn treibt – Codename: Trixie. Als ein Flugzeug mit der geheimen Biowaffe an Bord über dem Örtchen Evans City abstürzt und das Trinkwasser verseucht, verfällt die friedliche Gemeinde ins Chaos. Das Militär riegelt die Region sofort vollständig ab und sorgt mit Waffengewalt dafür, dass niemand mehr den Ort verlässt. Während ein Team von Wissenschaftlern mit Hochdruck an einem Gegenmittel arbeitet, verwandeln sich überall in Evans City harmlose Bürger in blutrünstige Psychopathen.

© Capelight Pictures

Meinung zur Veröffentlichung:

Nach einem Flugzeugabsturz in der Nähe der Stadt Evans City, Pennsylvania ist der sich an Bord befindende biologische Kampfstoff Trixie ins Grundwasser gelangt. Die Bewohner, die nicht sofort gestorben sind, sind wahnsinnig geworden und morden grundlos. Das hinzugezogene Militär verhängt den Ausnahmezustand, doch eine kleine Gruppe Überlebender kann sich der Abriegelung entziehen und flüchtet vor den gnadenlos agierenden Soldaten. Während Wissenschaftler und Militärs fieberhaft nach einem Gegenmittel suchen, droht die Situation zu eskalieren…

Als der damals 28 Jahre alte Regisseur und Drehbuchautor George A. Romero (* 4. Februar 1940; † 16. Juli 2017) im Jahr 1968 sein Freizeitprojekt Night of the Living Dead veröffentlichte, konnte er wahrscheinlich nicht ahnen, welchen Einfluss er auf das Genre des sozialkritischen Horrorfilms haben sollte. Es sollte allerdings einige Jahre dauern, bis Night of the Living zum Kultfilm avancierte und in die Filmsammlung des Museum of Modern Art aufgenommen wurde. Entsprechend schwierig war es, die Finanzierung folgender Projekte gewährleisten zu können. So widmete er sich 1971 und 1972 mit den ebenfalls in dieser Edition vorliegenden Filmen There’s Always Vanilla und Hungry Wives / Season of the Witch gänzlich anderen Themen und kehrte erst 1973 mit The Crazies zum Horrorfilm zurück.

Basierend auf dem Skript seines ehemaligen Kameraassistenten Paul McCollough verfasste Romero das Drehbuch, führte Regie, übernahm Statistenrollen und übernahm den Schnitt. Das Ergebnis ist ein rauer, ungeschliffener und äußerst intensiver Film, der gekonnt mit den Urängsten spielt und in seiner Inszenierung und seinem Aufbau bereits viel von dem präsentiert, was er später für Dawn of the Dead verfeinern sollte. Atmosphärisch dicht zelebriert er den selbstverschuldeten Untergang der Menschheit und zeigt in seiner ihm typischen bissig-ironischen Weise das ausbrechende Chaos, die Verwirrung und die Unfähigkeit der Verantwortlichen, der Situation adäquat Herr zu werden. Er selbst Betrachter seinen Film rückblickend als zu überfrachtet und plakativ, wobei ich ihm nur bedingt zustimmen kann. Es fällt auf, dass er die subtilen Andeutungen und die inhaltlichen Metaebenen seines Debütfilms zugunsten einer stringenten und linearen Geschichte weitestgehend ausspart, jedoch wird Crazies dadurch ein sehr dynamischer und in seinem Aufbau rasant geschnittener Film, der einem kaum Zeit zum Luftholen lässt. Romero präsentiert hier im Gewand eines Horrorfilms eine Parabel, die einen kritischen Blick auf die damalige (und auch heute noch aktuelle) politische Situation wirft und ein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber der Regierung und ihrem Wirken aufzeigt.  

Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass auch der sträflich unterschätzte Martin eine angemessene Veröffentlichung auf Blu-ray erfährt!

Crazies (Originaltitel: The Crazies, USA 1973) erscheint bei Capelight Pictures als DVD, digital und 3-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook. Ich hatte das große Vergnügen, die Collector’s Edition testen zu können, die schon im Design ein echter Hingucker ist. Der Film liegt als deutsche Blu-ray-Premiere in einer wirklich gelungenen 4K-Restaurierung vor, entsprechend sind Bild (1,66:1 / 1080p) und Ton (Deutsch & Englisch: PCM 2.0 Mono) qualitativ auf einem überraschend guten Niveau. Im Bonusbereich gibt es einen Audiokommentar von Schauspielerin Lynn Lowry und einen von Romero-Biograf Travis Crawford. Zudem gibt es im Featurette „Romero Was Here: Locating The Crazies“ eine Tour an die Originaldrehorte, die Interview-Specials „Crazy for Lynn Lowry“ und „The Mute Hippie Girl on Acid with Rabies“, ein sechsminütiges Hinter-den-Kulissen-Special, eine alternative Titelsequenz, eine 36 Minuten lange Q&A mit Lynn Lowry beim Abertoir Horror Festival 2016, eine witzige Einführung zum Film durch die Schauspielerin, den Trailer und Filmtipps.

Auf zwei weiteren Blu-rays befinden sich Romeros Frühwerke There’s Always Vanilla und Hungry Wives / Season of the Witch. Beide wurden ebenfalls neu restauriert und sind erstmals in Deutschland erhältlich.

There’s Always Vanilla (Originaltitel: There’s Always Vanilla, USA 1971) zeigt eine gänzlich neue Seite Romeros. Basierend auf dem Drehbuch von Rudy Ricci inszeniert er eine romantische Komödie, bei der der ehemalige US-Soldat Chris Bradley (Raymond Laine) im Mittelpunkt steht. Eigentlich soll Chris das Familienunternehmen übernehmen und sein „in-den-Tag-leben“ aufgeben, doch als er die attraktive Lynn (Judith Ridley) trifft, muss Chris eine Entscheidung treffen. Da der Erfolg von Night of the Living ausblieb, versuchte sich Romero stilistisch in eine andere Richtung zu bewegen, wobei jedoch auch hier bissige Kritik und eine bestimmte Weltsicht erkennbar sind. Bild (1,37:1 / 1080p) und Ton (Englisch: PCM 2.0 Mono mit deutschen Untertiteln) befinden sich auf einem guten Niveau. Im Bonusbereich gibt es auch hier einen Audiokommentar von Travis Crawford, ein halbstündiges Making-of mit dem Titel „Affair of the Heart“, eine Location-Bildergalerie mit einem Kommentar von Romero-Historiker Lawrence DeVincentz und den Trailer.

Season of the Witch (Originaltitel: Hungry Wives / Season of the Witch, USA 1972), ursprünglich auch Hungry Wives oder Jack’s Wife benannt, ist ein Drama, welches von Romero geschrieben und inszeniert wurde. Erneut in Pittsburgh angesiedelt, treffen wir auf die 39-jährige Joan Mitchell (Jan White), die mit ihrer Situation als Hausfrau und Mutter unzufrieden ist. Eines Tages trifft sie auf die neu hinzugezogene Marion Hamilton (Virginia Greenwald), die sich als Anführerin eines geheimen Hexenzirkels zu erkennen gibt. Diese Bekanntschaft zeigt Joan gänzlich neue Möglichkeiten, ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Vom Verleih bei der Erstveröffentlichung zu Softcore-Pornofilm umgeschnitten, stieß er auf kein besonderes Interesse beim Publikum, weshalb man ihn Jahre später erneut umschnitt und ihn als Season of the Witch veröffentlichte. Auch hier befindet sich die Blu-ray dank der gelungenen Aufbereitung in Bild (1,37:1 / 1080p) und Ton (Englisch: PCM 2.0 Mono mit deutschen Untertiteln) auf einem qualitativ guten Niveau. Neben einem Audiokommentar von Travis Crawford gibt es zu der 90-minütigen Filmfassung auch den 104 Minuten langen Extended Cut im Bonusbereich. Zudem gibt es das am 08. Februar 2016 entstandene, knapp einstündige Gespräch zwischen Guillermo del Toro und George A. Romero, ein Interview mit Darstellerin Jan White („The Secret Life of Jack’s Wife“), drei alternative Titelsequenzen, Bildergalerien (Locations & Memorabilia) und Trailer zu den unterschiedlichen Filmfassungen.

Abgerundet wird diese phantastische Veröffentlichung mit einem 24-seitigen Booklet, welches neben zahlreichen Filmbildern ein interessantes und aufschlussreiches Essay von Prof. Dr. Marcus Stiglegger beinhaltet, in welchem er die Anfänge Romeros, seine cineastischen Stilmittel, Kritik zu üben und natürlich seine wegweisenden Zombiefilme analytisch betrachtet. Hierbei wird detailliert der hier vorliegende Crazies betrachtet, den man als Bindeglied zwischen Night und Dawn betrachten kann. Mit der Limited Collector’s Edition veröffentlicht Capelight Pictures eine durchweg gelungene und liebevoll gestaltete Veröffentlichung, die einen der (meiner Meinung nach) interessantesten Filme Romeros in einer hervorragenden Edition präsentiert, die gleichzeitig mit den zwei Bonusfilmen die Lücken im Frühwerk des Filmemachers schließt!  

Mit Crazies gelingt George A. Romero ein sehr dicht inszenierter, atmosphärischer Horrorfilm, der seine bittere Kritik gegenüber Politik, militärischer Willkür und der fahrlässig verantwortungslosen Wissenschaft in manchmal zynischer Weise äußert, aber nach Aussage des Regisseurs etwas zu vordergründig darstellt. Insgesamt jedoch gelingt ihm ein mahnender, auch heute noch bedrohlich wirkender Terrorfilm, der in seinem Gesamtbild hervorragend funktioniert und in dieser herausragenden Edition in keiner gut sortierten Sammlung fehlen sollte!

Christian Funke