„I'm a Cyborg, but That's OK“ (Capelight Pictures)

„I’m a Cyborg, but That’s OK“ (Capelight Pictures)

Fest davon überzeugt, ein Cyborg zu sein, schließt Young-goon (Lim Soo-jung) ihren Körper an eine Steckdose an, um sich aufzuladen. Sie überlebt den Stromschlag und wird in eine Nervenklinik eingewiesen, wo die Ärzte von einem Suizidversuch ausgehen. Young-goon hingegen begibt sich auf die Suche nach dem Sinn ihrer Existenz als Mensch-Maschine: Sie empfängt Signale aus dem Radio, holt sich Rat bei ihrer Bettlampe und unterhält sich mit dem Getränkeautomaten. Da Cyborgs keine Nahrung zu sich nehmen, leckt sie an Batterien, um ihren Energiebedarf zu decken. Die Ärzte wissen nicht mehr weiter. Einzig der Patient Il-sun (Rain) findet Zugang zu der mittlerweile stark Unterernährten. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Romanze, weshalb Il-sun alles Erdenkliche versucht, um Young-goon vor dem drohenden Hungertod zu bewahren.

© Capelight Pictures

Meinung zur Veröffentlichung:

„Liebe ist, den Anderen so zu akzeptieren, wie er ist.“
(Park Chan-wook auf der Berlinale 2007)

Was macht ein visuell unglaublich talentierter Regisseur, der seine Bekanntheit einer düsteren, harten und doch faszinierend berauschenden Rachetrilogie zu verdanken hat, sich jedoch durch das Abtauchen in derart deprimierende Tiefen innerlich ausgelaugt und vergiftet fühlt? Er dreht einen optisch überschäumenden, verspielten Film, der gekonnt die Balance zwischen Liebesfilm mit Hang zum Kitsch, emotionalem Drama und in Teilen auch dem Genre des Thrillers hält.

Regisseur Park Chan Wook, der sich nach seinem Trilogie-Abschluss Lady Vengeance (2005) nach eigener Aussage ziemlich ausgepowert und leer fühlte, wollte zur Auflockerung einen leichtfüßigen, überbordenden Film inszenieren, den sich auch seine damals 12-jährige Tochter anschauen könnte. Herausgekommen ist dabei der Film I´m A Cyborg But That´s OK (schon der Titel ist unglaublich), sein Versuch einer leichten Komödie… aber sind wir mal ehrlich, Park Chan Wook wäre nicht der, der er ist, würde er nicht versuchen, die erzählte Geschichte doppelbödig und mit intellektuellen Stolpersteinen zu spicken, so dass man eventuell das obligatorische Komödien- Publikum abschreckt, dafür aber eine umso tiefere Wirkung beim interessierten Betrachter erreicht. Manchmal schießt er dabei zwar etwas über das angestrebte Ziel hinaus (was auch schon bei seinem Vorgänger an manchen Stellen zu beobachten war), aber trotzdem, oder gerade deswegen, bleibt der Zuschauer bei der Sache und verfolgt das Geschehen interessiert, fasziniert und an manchen stellen verwundert.

„a kind of romantic comedy“

In I´m A Cyborg But That´s OK befinden wir uns in einer geschlossenen Nervenheilanstalt, wo die junge und bezaubernde Cha Young-goon (Lim Soo-jeong, A Tale of Two Sisters) mit allen verfügbaren Elektrogeräten kommuniziert, Nahrung verweigert und stattdessen versucht, elektrische Energie aus Batterien und Steckdosen zu tanken. Ihr geheimes Ziel ist es, das dortige Personal zu töten, um ihre Großmutter, die sich für eine Maus hält und nur Rettich isst, zu retten. Mit Hilfe des maskierten Mitpatienten Il-sun, dargestellt von K-Pop-Sänger Rain, (der sich für einen Meisterdieb hält und von den anderen Patienten Eigenschaften stiehlt, um sich nicht aufzulösen) versucht sie, diesen Plan zu verwirklichen, und gerät dabei von einer skurrilen Situation in die nächste.

Klingt absurd, ist es auch! Aber wie dieses Sammelsurium an phantastischen Ideen und doppeldeutigen Anspielungen vom Regisseur umgesetzt wurde, ist schlichtweg erstaunlich und wirkt, als würde Kafka auf die wunderbare Welt der Amelié treffen. Selten wurde eine so überbordende Phantasie in dieser Form auf die Leinwand gebracht. Oft erinnert der Film dabei an europäische Autorenfilme (im positiven Sinne!), wo eben auch ein großer Teil der Botschaft über die Bildsprache vermittelt wird. Park Chan Wook´s I´m A Cyborg But That´s OK ist definitiv kein einfach zu goutierender, aber jederzeit interessanter Film, ein Arthouse-Liebling, der auf den ersten Blick locker inszeniert scheint, aber bei näherer Betrachtung viele tiefgründige und mehrdeutige Ideen aufzeigt

 

 

© Trailer: Rapid Eye Movies

I´m A Cyborg But That´s OK (Originaltitel: Saibogeujiman kwenchana, Südkorea 2006) erscheint als deutschsprachige Neuauflage erstmals auf Blu-ray, so wie auf DVD als 2-Disc Limited Collector’s Edition im ansprechend gestalteten Mediabook bei Capelight Pictures. Bild (1,85:1/1080p) und Ton (Deutsch & Koreanisch: dts-HD Master Audio 5.1) der von mir getesteten Blu-ray befanden sich auf einem qualitativ sehr guten Niveau. Neben der tollen Aufbereitung des Films kann zudem das Zusatzmaterial der Veröffentlichung überzeugen. Hier befinden sich Interviews mit Park Chan-wook, Lim Soo-jeong und Jung Ji-hoon, ein zwanzigminütiges Making of, ein Special über die verwendete Viper-Digitalkamera (I´m A Cyborg But That´s OK war seinerzeit einer der ersten rein digtal gedrehten Kinofilme), sechs Featurettes über das Design, die visuellen Effekte, die Kostüme, das Special-Make-up und weiteren Aspekten des Films, entfallene und alternative Szenen, den preisgekrönten Kurzfilm „2 Minutes“, ein Berlinale-Special, ein Musikvideo, Teaser, Trailer und TV-Spots und ein 24-seitiges, sehr informatives und reich bebildertes eingeheftetes Booklet von Marco Heiter.

Wer sich auf eine cineastische Seelenreinigung eines der seit Jahren interessantesten und spannendsten südkoreanischen Regisseure einlassen kann, wird mit einem sensiblen, warmherzigen, inhaltlich wie visuell ausschweifenden Film über die Liebe belohnt, den es anzuschauen lohnt!

Christian Funke