Jonas - Stell dir vor, es ist Schule und du musst wieder hin! (dcm)

Jonas – Stell dir vor, es ist Schule und du musst wieder hin! (dcm)

 

Christian Ulmen ist bekannt für seine experimentelle Spielfreude, dem Mut zu neuen Dingen und dem Spaß an der (allerdings immer subtiler werdenden) Provokation. Hier jedoch erleben wir Ulmen in einer selbst für ihn ungewohnten Rolle. In seinem im Jahr 2011 von Regisseur Robert Wilde gedrehten halbdokumentarischen Film Jonas erleben wir den Mimen, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 36 Jahre alt, als 18 jährigen, mehrfach sitzengebliebenen jungen Mann namens Jonas Slooth, der noch eine letzte Chance bekommt, seinen Realschulabschluss zu erlangen, und deshalb, von einem Filmteam begleitet, auf der Paul – Dessau –Gesamtschule in Berlin Brandenburg die Schulbank drückt.

Jonas ist ein typischer junger Mann, der antriebsschwach ist, dies aber auch durch Tricks nicht zu kaschieren weiß. Weder seine Art der Kleidung, noch seine Kommunikationsfähigkeit lassen ihn positiv aus einer Gruppe herausstechen, vielmehr ist er der eher schüchterne, unscheinbare und sozial gehemmte Heranwachsende, der teilweise unbewusst provoziert, aber immer irgendwie unbeholfen wirkt.

Wie gestaltet man solch ein filmisches Experiment? An einer Schule mit knapp 600 Schülern und 95 Lehrern muss erklärt werden, warum ein etwas zurückgeblieben wirkender junger Mann Mittelpunkt einer Dokumentation ist. Aus diesem Grund entschied man sich, mit offenen Karten zu spielen, und alle Beteiligten einzuweihen. Gearbeitet wurde ohne Drehbuch, es gab einzig ein paar grobe Richtungen, wohin sich das Ganze entwickeln sollte/könnte, ansonsten ging man unvorbereitet und spontan auf jede Situation ein.
Hier liegt dann auch der Knackpunkt dieser Dokumentation, denn man kann einen knapp vierzig Jahre alten Schauspieler jederzeit auf einen unter zwanzigjährigen glattrasieren und schminken, jedoch seine Lebenserfahrung nimmt man ihm nicht. Aus diesem Grunde fällt es an vielen Stellen auf, dass sich Ulmen zwar verhält, wie ein 18 jähriger, aber sowohl von den Mitschülern oftmals nicht wie ihresgleichen behandelt wird, sondern auch die Lehrer ihm Situationen spendieren, die es so in einem „normalen“ Lehrer-Schüler-Verhältnis nicht geben würde, er aber auch offensichtlich auf einen Erfahrungsfundus zurückgreifen kann, den ein 18 jähriger nicht haben kann.
Was den Film jedoch letztendlich überzeugen lässt, ist wiederum das Talent des Hauptdarstellers. Da er über Wochen seine Figur nicht mimte, sondern lebte, passierte das, was in solchen Situationen zwangsläufig passiert, es trat der Effekt der Gewöhnung ein. Waren die Mitmenschen zu Beginn noch vorsichtig dem verkleideten Prominenten gegenüber, treten im weiteren Verlauf der Dreharbeiten aber immer mehr Situationen auf, wo Schüler und Lehrer eindeutig vergessen, das es sich um einen Schauspieler handelt, der einen jungen Erwachsenen mimt, und ihm somit gegenübertreten, wie sie es wohl ohne Kameras machen würden (die Kameras waren seit längerer Zeit fest installiert, und gehörten somit schon beinahe zum Inventar).
In solchen Situationen gelingt ein Einblick, der einen zurückkatapultiert in eine längst verdrängte Zeit des Schulbesuches und den damit verbundenen angenehmen Situationen, aber auch den traumatisierenden Momenten (zum Beispiel im Mathematik-Unterricht an die Tafel geholt zu werden). Hier verschwimmen dann auch, wenn auch nur für kurze Augenblicke, aber trotzdem deutlich die Grenzen der Figur „Jonas“ und dem „echten“ Ulmen, werden aber schnell durch ein professionelles Rollenverhalten kaschiert.
Jonas ist dabei ein Film, der einen den Schulalltag neu durchleben lässt, der aber auch zeigt, dass sich einige Dinge, auch wenn Jahrzehnte vergangen sind, im Schulumfeld nicht ändern. Das ist sowohl irgendwie erschreckend als auch versöhnlich stimmend.

Die Blu-ray der Boje/Buck – Produktion ist überaus gelungen. Die Bild- und Tonqualität ist sehr gut, allerdings ist das herausstechende Merkmal der Bonusbereich, der mit über 130 Minuten Zusatzmaterial so ziemlich alle Aspekte der Dreharbeiten beleuchtet. Der interessierte Zuschauer findet neben einem Audiokommentar noch acht geschnittenen, teils längeren Szenen, fünf kürzere Featurettes, elf Interviews mit Schülern und Lehrern, Cast und Crew des Films, den Originaltrailer und eine Programmshow.
Für die passende musikalische Untermalung des Films sorgen dann Helge Schneider, Deichkind und Die Sterne!

Regisseur Robert Wilde (die Serie Mein neuer Freund, ebenfalls mit Christian Ulmen) schuf mit Jonas ein interessantes filmisches Experiment. Dabei baut er völlig auf das Talent und die gnadenlose Spontanität seines Hauptdarstellers Ulmen, mit dem er schon mehrere TV-Experimente mit versteckter Kamera gemacht hat, und welcher oftmals durch seine respektlose Art und die damit verbundene Entlarvung des ihm Gegenüber an den großartigen Sacha Baron Cohen erinnert. Jonas ist dabei nicht so hintersinnig oder böse, wie so manch anderer Auftritt des Darstellers, viel mehr bietet ihm die Dokumentation eine Bühne, seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, weniger jedoch einen durchgehend realistischen Alltag an deutschen Schulen, trotz einiger schöner Momente der Wahrhaftigkeit, darzustellen.

Christian Funke-Smolka