“Milano Kaliber 9” (FilmArt)

“Milano Kaliber 9” (FilmArt)

Ein Film von Fernando Di Leo

Darsteller: Gastone Moschin, Barbara Bouchet, Mario Adorf, Frank Wolff, Luigi Pistilli, Ivo Garrani, Philippe Leroy

Nach drei harten Jahren verlässt Ugo Piazza (Gastone Moschin) endlich den Knast. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Seine Vergangenheit schlägt kaltblütig zu! Neben der Polizei sitzt ihm Rocco Musco (Mario Adorf), der sadistische und unberechenbare Handlanger des „Amerikaners“, im Nacken. Er will Piazza zum Reden bringen. Und das um jeden Preis. Piazza soll dem Amerikaner, vor seiner Verhaftung, 300.000 Dollar gestohlen haben. Seine Erklärungsversuche finden beim Syndikat wenig Anklang. Selbst seine damalige Freundin, Nelly (Barbara Bouchet), ist sich nicht im Klaren darüber, was vor ihren Augen gespielt wird. Nur Piazzas Freund Chino (Philippe Leroy) steht ihm zur Seite. Die Schlinge zieht sich unaufhaltsam zu. Am Ende dreht sich für Piazza alles um die entscheidende Frage: Hat er das Geld wirklich gestohlen?

© FilmArt

Meinung zur Veröffentlichung:

Ugo Piazza (Gastone Moschin, Der Pate II) wird vorzeitig aus der Haft entlassen. Doch die Freude währt nicht lange, denn der cholerische Gangster Rocco Musco (Mario Adorf) lauert ihm auf. Denn man vermutet, dass Piazza dem mächtigen Gangsterboss „Der Amerikaner“ (Lionel Stander, Hart aber herzlich, Spiel mir das Lied vom Tod) bei seinem letzten Coup Geld unterschlagen hat, welches dieser nun zurückhaben möchte. Piazza sitzt in der Zwickmühle, denn nicht nur die Eintreiber des Mafiosis, sondern auch die Polizei hängt an seinen Fersen, die hoffen, über ihn an den großen Gangsterboss heranzukommen. Nur ein ausgeklügelter Plan kann ihn noch retten…

Basierend auf dem gleichnamigen Roman des italienischen Schriftstellers und Journalisten Giorgio Scerbanenco schuf  Regisseur Fernando Di Leo (Der Teufel führt Regie) ein erst spät gewürdigtes Meisterwerk des Poliziotti. Denn Milano Kaliber 9 versetzt einen direkt in den ersten Sekunden zurück in die glorreichen Tage des europäischen Kinos. Die Zeiten sind hart, die klassische Mafia wurde von korrupten und skrupellosen Großunternehmern abgelöst, im Polizeiapparat trifft die moderne liberale Methode auf die klassisch harte Ermittlung. Eine Stadt und ihre Bewohner befinden sich im Umbruch, bei dem viele Menschen nicht hinterherkommen und auf der Strecke bleiben. Alle diese Aspekte thematisiert Di Leo in einer harten, komplex verschachtelten Erzählung, die damit den Rahmen des klassischen Kriminalfilms deutlich sprengt und eine stilistische Blaupause für spätere Werke von Quentin Tarantino und Guy Ritchie darstellen sollte. Bis in die Nebenrollen perfekt besetzt (Frank Wolff ist hier in seiner vorletzten Rolle als Kommissar zu sehen und konnte die Filmpremiere nicht mehr miterleben), musikalisch hypnotisch von Luis Bacalov (Töte Amigo, Der Postmann) untermalt, ist Milano Kaliber 9 einer der stärksten Vertreter seines Genres.

© Trailer: Italo-Cinema Trailer

Mit Milano Kaliber 9 veröffentlicht FilmArt in der ansprechend gestalteten Amray-Neuauflage der bereits vergriffenen Polizieschi Edition #010 ein cineastisches Schwergewicht. Diese bietet den Film in der ungekürzten Originalfassung (102 Minuten, bei den Stellen der fehlenden Synchronisation wurde mit neu übersetzten Untertiteln gearbeitet) und der deutschen Kinofassung (95 Minuten). Bild (1,85:1/1080p) und Ton (Deutsch & Italienisch: DTS-HD Master Audio 1.0) sind auf einem qualitativ überzeugenden Niveau. Zusätzlich befindet sich eine längere Einführung von Dr. Marcus Stiglegger auf der Disc, in der er näher auf den Film, die Darsteller und den Regisseur eingeht. Ergänzend befinden sich im Bonusmaterial noch die halbstündige Dokumentation „Calibro 9“ und das 39 Minuten lange Featurette „Fernando DiLeo – Die Entstehung des Genres“, diverse Trailer und ein Musik-Video.

Mit Milano Kaliber 9 präsentiert Fernando Di Leo ein virtuos inszeniertes, so fesselnd wie kritisches, musikalisch und darstellerisch hervorragendes Meisterstück des italienischen Genre-Kinos, welches heute noch genauso faszinierend ist wie bei seiner Premiere!  

Christian Funke