“Moby Dick“ (Capelight Pictures)

“Moby Dick“ (Capelight Pictures)

Cast: Gregory Peck, Richard Basehart, Leo Genn, Orson Welles, u.a.

Regie: John Huston

Der mürrische Kapitän Ahab (Gregory Peck) ist besessen von einem einzigen Gedanken: Er will Rache üben an seinem Todfeind Moby Dick – dem riesigen weißen Wal, der ihn zum Krüppel gemacht hat. Um ihn aufzuspüren, ist Ahab kein Weg zu weit und kein Opfer zu groß. Mit der Mannschaft seines Walfängers durchsegelt er die sieben Weltmeere, wo tropische Hitze und heftige Stürme den Seeleuten zu schaffen machen. Immer wieder kommt es zu Spannungen an Bord, doch der schwerste Kampf steht den tapferen Männern noch bevor …

© Capelight Pictures

Meinung zur Veröffentlichung:

Im Jahr 1841 zieht es den etwas schwermütigen Ismael (Richard Basehart, Willkommen, Mr. Chance) zur See, denn nur auf dem Wasser fühlt er sich frei! Doch es muss diesmal etwas aufregendes und Abenteuerliches sein, weshalb ein Handelsschiff für ihn nicht mehr infrage kommt. Kurzentschlossen heuert er auf der außergewöhnlich aussehenden Pequod an. Nicht auf die Gerüchte über den mysteriösen Kapitän hörend, lernen sie diesen später kennen. Kapitän Ahab (Gregory Peck, Das Omen, Wer die Nachtigall stört), ein hasserfüllter, aber sehr charismatischer Mann, dem es mit einer mitreißenden Rede gelingt, seine Mannschaft auf die Jagd nach einem Pottwal einzustimmen, der vor Jahren Ahab das Bein nahm und zahlreiche seiner Matrosen tötete…

Als der amerikanische Schriftsteller Herman Melville im Jahr 1851 seinen über 900 Seiten starken, sehr symbollastigen, philosophischen, wissenschaftlichen und mythologischen Roman Moby Dick veröffentlichte, stieß er auf ein weitestgehend negatives Echo. Zu komplex und nur schwer lesbar, vielen die Kritiken zum Teil vernichtend aus. Es sollte Jahre dauern, bis man die Qualitäten dieses Werkes vollständig erfasste und würdigte. Melville jedoch erlebte dies leider nicht mehr. Lange Zeit galt das Buch als unverfilmbar, zwei Versuche Anfang des 20. Jahrhunderts wichen deshalb deutlich von der Vorlage ab und fokussierten sich auf den Kern der Geschichte. Erst Anfang der 1950er Jahre interessierte sich Regisseur John Huston (Die Spur des Falken, Der Schatz der Sierra Madre, African Queen) für die Geschichte und adaptierte diese, die Vorgaben des finanzierenden Studios ignorierend, gemeinsam mit Autor Ray Bradbury zu einem Drehbuch, welches sich streng am Roman halten, diesen jedoch auf eine kinotaugliche Lauflänge zusammenfassen sollte. Huston, damals nicht unbedingt der umgänglichste Mensch unter der Sonne, zeigte sich bei der Umsetzung gegenüber den Geldgebern nur zu wenig Kompromissen bereit, was dazu führte, dass die Dreharbeiten über drei Jahre dauerten, er seinen düster-zynischen Grundton beibehielt und keine Liebesgeschichte oder eine weibliche Sprechrolle einbaute. Bis in die Nebenrollen perfekt besetzt (einen, wenn auch kurzen, aber sehr einprägsamen Auftritt beispielsweise hat Orson Welles als Pfarrer Mapple), erleben wir einen sehr speziellen, in seiner Farbgebung außergewöhnlichen Film, der gleichzeitig ein Abenteuerfilm und eine philosophische Auseinandersetzung mit den Themen Fanatismus, Hass und Machtmissbrauch ist! Der seinerzeit als Fehlbesetzung titulierte Gregory Peck verkörpert Ahab mit einer beängstigenden Präsenz, die seinen Hass und seinen blinden Fanatismus beinahe körperlich spürbar machen. Auch die Verfilmung Moby Dick brauchte Zeit, um als Meisterwerk anerkannt zu werden. Auch mit heutigen Sehgewohnheiten kann Hustons Werk noch überzeugen. Neben einer guten Kameraarbeit und der einprägsamen Darstellung Pecks bleibt einem die außergewöhnliche Farbgebung in Erinnerung, die Kameramann Oswald Morris durch allerlei Experimente mit den Möglichkeiten Technicolors erzielte. Erfreulicherweise liegt hier eine gut aufbereitete Filmfassung vor, bei der man speziell die Farben rekonstruierte. Endlich erhält man so die Gelegenheit, den Film so zu erleben, wie er von Huston und Morris geplant war.        

Capelight Pictures veröffentlichen als deutsche HD-Premiere den Filmklassiker Moby Dick (Originaltitel: Moby Dick, USA 1956) als Einzel – DVD und als wunderschön gestaltete 3-Disc Limited Edition im Mediabook. Letztgenannte Veröffentlichung stand mir glücklicherweise zur Ansicht zur Verfügung und beinhaltete den Hauptfilm auf DVD und Blu-ray. Bild (1,66:1 / 1080p) und Ton (Deutsch & Englisch: PCM 2.0 inklusive einem zweiten, alternativen Mix der deutschen Tonspur) der von mir getesteten Blu-ray befinden sich auf einem qualitativ überzeugenden Niveau. Erfreulicherweise wurde die komplette Farbpalette des Films anhand von Referenzmaterial aufwendig rekonstruiert, so dass der Film, auch wenn man ihm an einigen Stellen das Alter ansieht, sämtlichen vorangegangenen Veröffentlichungen gegenüber deutlich überlegen ist! Im Bonusbere4ich gibt es neben einem Audiokommentar der Filmexperten Julie Kirgo, Paul Seydor und Nick Redman die isolierte Musikspur als separate Tonspur, den Kinotrailer und alternativ den deutschen Trailer, sowie diverse Filmtipps zu anderen Capelight – Veröffentlichungen.

Auf der Bonus-Blu-ray befindet sich die faszinierende (und bildgewaltige) neunzigminütige Dokumentation Mythos Wal von Peter Moers und Leighton De Barros, die sich der komplexen Beziehung zwischen Mensch und Wal, der Walrettung und der dadurch glücklicherweise gestiegenen Population widmet, gleichzeitig aber auch die Zeit betrachtet, wo jährlich noch bis zu 30.000 Wale erlegt, zerteilt und verarbeitet wurden. Abgerundet wird diese wunderschöne Veröffentlichung durch ein tolles 24-seitiges Booklet, welches neben Filmbildern, Zeichnungen und alternativen Covermotiven ein spannendes Essay der freien Autorin (u.a. für die DEFA Stiftung Berlin) und ehemaligen Chefredakteurin von Moviepilot Ines Walk beinhaltet. Neben einem aufschlussreichen Blick auf den Roman und die Verfilmung (beide anfangs zwiespältig aufgenommen und entsprechend erfolglos), berichtet sie über Regisseur John Huston, den Drehbuchautor Ray Bradbury, Hauptdarsteller Gregory Peck, den Kameramann Oswald Morris und seine faszinierenden Technicolor-Experimente und abschließend über das Wesen der fanatischen Besessenheit.

John Huston präsentiert mit seiner Adaption des als unverfilmbar bezeichneten Romans Moby Dick eine kongeniale, perfekt inszenierte und bis in die Nebenrollen grandios besetzte Irrfahrt in die wahnhaften Abgründe der Besessenheit. Eine Geschichte in einem beinahe mythischen Ausmaß, wo sich der Mensch gegen die Natur auflehnt. Ein Film, der mit seiner symbolträchtigen Bildsprache heute noch fesselt und langanhaltend beschäftigt! Ein Meisterwerk, dem dank Capelight Pictures eine gebührend großartige Veröffentlichung spendiert wird!   

Christian Funke