Nightmare Detective 1 & 2 (Sunfilm Entertainment/ Tiberius Film)

Nightmare Detective 1 & 2 (Sunfilm Entertainment/ Tiberius Film)

 

Japans Ausnahme- und Extremkünstler Shinya Tsukamoto beglückt uns in seinen Filmen um den Nightmare Detective mit einem Ausflug in die abgründigsten Untiefen seines kreativen Denkens. Lagen früher Jahre zwischen den einzelnen filmischen Kunstwerken Shinya Tsukamotos, so zeichnet sich in den Jahren 2004 bis 2009 eine kreative Schaffensphase ab, die es ihm ermöglicht, innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl von faszinierenden Filmen zu drehen, die auf der einen Seite durch eine visuelle Wucht gläntzen, auf der anderen Seite den Zuschauer aber auch zutiefst verstörten. Nebenbei gelingt es ihm, auch als Schauspieler sowohl in seinen eigenen, als auch in vielen Filmen seiner Kollegen zu überzeugen (Takashi Miikes Dead or Alive 2 oder Ichi the Killer, Takashi Shimizus Marebito oder in eigenen Filmen wie Haze, Snake of June, Tokyo Fist oder den mittlerweile drei Tetsuo – Filmen).
Nach Filmen wie Vital, oder dem extrem unangenehmen Kurzfilm Haze sind die Filme um den Nightmare Detective nun fast konventionelle Streifen geworden, der sich stringent an einer Storyline halten, und nur punktuell seine überbordende morbide Kreativität durchscheinen lassen.

Die Geschichte in Teil 1 präsentiert uns die junge Polizistin Keiko (dargestellt von der Sängerin Hitomi), welche nach einer freiwilligen Versetzung in eine neue Abteilung nicht nur gegen die Vorbehalte von Teamkollegen zu kämpfen hat, sondern noch zwei mysteriöse Todesfälle bearbeiten muss, die auf den ersten Blick wie Selbstmorde aussehen, aber so bestialisch ausgeführt wurden, dass ihr Zweifel erscheinen. Zumal das eine der Opfer sich vor den Augen seiner Frau im Schlaf wie im Rausch immer wieder mit einem Messer auf sich eingestochen hat. Wurden die Opfer in ihren Alpträumen zu diesen Taten getrieben? Warum haben alle Opfer vor ihrem Tod dieselbe Nummer auf dem Handy angewählt? Kann der mysteriöse Nightmare Detective Kyoichi, ein Medium mit der Gabe, sich in die Träume seiner Auftraggeber zu begeben, weiterhelfen?

In Nightmare Detective 2 schickt er den uns bekannten Kyoichi ein zweites Mal auf die Erkundung der Innenleben unserer Protagonisten und deren Traumwelten. Dabei wird Kyoichi selber von Träumen gepeinigt, die ihn mit dem Selbstmord seiner Mutter konfrontieren. Aus diesem Grund möchte er zuerst auch nicht dem schüchternen jungen Mädchen helfen, die sich in ihren Träumen an den sie mobbenden Klassenkameradinnen rächt, aber zu sehr erinnert ihn das Mädchen an seine Mutter, so dass er durch die Hilfe für sich Linderung erhofft.

Auf den ersten Blick scheint es, als habe Tsukamoto seinen Beitrag zum sehr angesagten japanischen Gruselfilm geliefert, aber so einfach kann man es sich nicht machen. Zu sehr sind Verknüpfungen zu seinem Gesamtwerk zu sehen, zu offensichtlich taucht der Bezug zu Themen wie Selbsttötung, Aufgabe  des eigenen Ichs oder die Kapitulation vor der gesellschaftlichen Norm auf.
Wenn Träume der Spiegel zur Seele eines Menschen sind, Tsukamoto seine Träume dabei filmisch verarbeitet, dann möchte ich nicht wissen, wie sein Seelenleben aussieht!!!

In den beiden Nightmare Detective – Filmen schafft Tsukamoto den Sprung von der Reflexion des Innenlebens seiner Charaktere hin zu einer Betrachtung auf den Zustand einer ganzen Generation. Die Unfähigkeit der Kommunikation, der Verlust der Gabe der Empathie, Probleme, die sich leider nicht nur in der japanischen Gesellschaft finden. Aber auch hier zeigt ein versöhnliches Ende den Willen nach Veränderung.
In meinen Augen ist Nightmare Detective Tsukamotos am leichtesten zugängliches Meisterwerk, welches vom Zuschauer, ähnlich wie bei vielen Filmen David Lynchs, auf vielen Ebenen betrachtet werden kann. Dies macht den Film so spannend und interessant.
Sunfilm Entertainment veröffentlicht die Filme nun zusammen als eine Doppel-Blu ray auf einem technisch in Bild und Ton sehr guten Niveau. Als Bonusmaterial liegen neben den Originaltrailern noch ein Interview mit dem Regisseur Shinya Tsukamoto und ein umfassendes Making of beider Teile vor.
Die Nightmare Detective Filme sind ein kleines modernes Meisterwerk geworden, welches definitiv einer intensiven Auseinandersetzung seitens des Zuschauers bedarf, aber durch seine geniale Verknüpfung von visuell rauschhaften Bildern, einer interessanten Story und dem typisch hypnotischen Soundtrack genau diese intensive Betrachtung so interessant macht!

Christian Funke-Smolka