Peter Weir Collection (Koch Media)

Peter Weir Collection (Koch Media)

Die Autos, die Paris auffraßen (1974)
Picknick am Valentinstag (1975)
Die letzte Flut (1977)
Wenn der Klempner kommt (1979)

dbm000287dMit „Der einzige Zeuge“ und „Mosquito Coast“ hat der Australier Peter Weir Harrison Ford erst zum Charakterdarsteller gemacht, anschließend unter anderem mit „Der Club der toten Dichter“ und „Die Truman Show“ Filmgeschichte geschrieben. Dass bereits seine einzigartigen Arbeiten aus den 70er Jahren jedem filmhistorischen Kanon genügen, zeigt die Peter Weir Collection, die der sechsfach oscarnominierten Regielegende mit außergewöhnlichen Filmhighlights wie Picknick am Valentinstag und Die letzte Flut ein Denkmal setzt.

Regisseur Peter Weir wurde 1944 in Sydney, Australien geboren. Hier studierte er Kunst und Jura, erlangte aber relativ schnell, nämlich direkt mit seinem zweiten Film Die Autos, die Paris auffraßen, seinen Durchbruch. Endgültig wurde er dann jedoch ein Jahr später mit dem modernen Klassiker Picknick am Valentinstag bekannt, und heimste sowohl vom Publikum als auch den Kritikern großes Lob ein.
Zwei Jahre später veröffentlichte er den visionären Die letzte Flut, und machte seinen Hauptdarsteller Richard Chamberlain (Die Dornenvögel) zum Star, genau wie er Mel Gibson 1981 durch die Filme „Gallipoli“ und „Ein Jahr in der Hölle“ (1982) nach seinem Mad Max – Erfolg seinen Ruf als Schauspieler weiter stärkte. Aber erst seine in den Vereinigten Staaten gedrehten Filme wie „Der einzige Zeuge“, „Der Club der Toten Dichter“, „Die Truman Show“ oder „Master & Commander“ festigten den Ruf des Regisseurs, spirituelle, ernsthafte, philosophische Themen so in seine Filme zu integrieren, dass diese intellektuell fordernd sein können, aber trotzdem hervorragend unterhalten, und sich dabei aus inhaltlicher und formeller Sicht auf einem sehr hohen Niveau befinden, und verschafften ihm bis jetzt sechs Oscar-Nominierungen.
Nach knapp siebenjähriger Pause veröffentlichte Peter Weir 2010 seinen bisher letzten Film „The Way Back – Der lange Weg“.

Meinung zur Collection:

Koch Media zeigen auch mit dieser Collection, daß sie wissen, was der Filmfreund sehen möchte. Die vorliegende Peter Weir Collectionpräsentiert auf vier DVDs die interessantesten Filme des

Peter Weir

Peter Weir

Frühwerks dieses Ausnahmeregisseurs, wobei der Film Wenn der Klempner kommt (1979) meines Wissens das erste Mal in Deutschland offiziell veröffentlicht wird.
Aber ich springe mal wieder hin- und her.

Auf der ersten Disc befindet sich Weirs Debütfilm mit dem legendären Titel Die Autos, die Paris auffraßen (1974), ein Streifen, der weniger im Science Fiction anzusiedeln ist, sondern von der australischen Kleinstadt Paris handelt, die sich durch fingierte Autounfälle und deren anschließende Plünderung ein zwar morbides aber lukratives Geschäftsfeld erarbeitet haben.
Hier handelt es sich um eine kleine, intelligent strukturierte Satire mit bissigen Seitenhieben auf das Spießbürgertum der 70er Jahre, ohne jedoch eine klare Interpretation zu liefern, sondern eine Menge Fragen stellt, deren Beantwortung und damit verbunden die Interpretation der Geschehnisse, dem Zuschauer überlasst.

Die Kunst der Andeutung und das Vertrauen, dass der Zuschauer in der Lage ist, eigene Interpretationsmöglichkeiten der Geschichte zu nutzen, wurde nur ein Jahr später in seinem atmosphärischen Meisterwerk Picknick am Valentinstag perfektioniert.
Wir befinden uns in Australien am Valentinstag des Jahres 1900. Die Schülerinnen eines privaten Mädcheninternats machen sich auf zum traditionellen Valentinspicknick am imposanten Hanging Rock (so auch der Originaltitel: Picknick at Hanging Rock).
Als vier der Mädchen sich gegen den Willen der Lehrerin auf eine Kletterpartie in das Felsmassiv aufmachen, geschieht das mysteriöse: nur eines der Mädchen kommt hysterisch schreiend zurück. Als sich die Lehrerin aufmacht, die drei vermissten Mädchen zu suchen, verschwindet auch sie spurlos.
Die anschließende Suchaktion ist zuerst erfolglos, erst Tage später findet man eine der Vermissten, die sich aber an nichts erinnern kann.
Das Verschwinden der Mädchen wird als ein beinahe biblisches Gleichnis, eines der Mädchen gar von den anderen als Prophetin dargestellt, die plötzlich zum Himmel emporgestiegen ist. Magische Momente werden durch sphärische Musik untermalt, so dass sich eine stimmungs- aber auch geheimnisvolle Atmosphäre ausbreitet.
515aLZY+2+LPicknick am Valentinstag gilt zu Recht als eines der Meisterwerke des australischen Kinos, und wird wohl immer einer der Filme sein, die man nennt, wenn man von Peter Weir spricht (obwohl andere seiner Filme wesentlich erfolgreicher waren). Basierend auf den Roman von Joan Lindsey, gelingt ihm ein Geniestreich, einen Film zu kreieren, der so viel durch seine Bildästhetik aussagt, was weit über die tatsächliche Geschichte hinausgeht. Hier findet die Botschaft auf einer Metaebene statt, die von jedem Zuschauer anders gedeutet und interpretiert werden kann, und diesen Film deshalb so schwer greifbar macht.
Eine Atmosphäre, die mit traumwandlerischer Sicherheit das Gefühl vermittelt, auf Wolken zu schweben, ist latent mit einer Hysterie der erwachenden aber unterdrückten jungen Sexualität der Mädchen durchzogen. Die kreativen Techniken, mit denen er dieses Gefühl inszeniert, lassen bei dem Zusammentreffen von kindlicher Unschuld und heranwachsender Neugier eine spürbare Bedrohung entstehen, die nur schwer fassbar ist, beinahe wie eine dunkel Wolke, die am Himmel vorbeizieht.
Picknick am Valentinstag ist ein feinfühliger, subtil gedrehter Film über das heranwachsen, der dabei jedoch eine permanente Spannung aufzubauen weiß.

Die letzte Flut (1977) geht dann, sowohl thematisch als auch visuell wieder in eine komplett andere Richtung, ist aber ebenfalls einer der Filme, die auch heute noch als Meisterwerk und Kultfilm des australischen Kinos der 70’er Jahre benannt werden.
Der Rechtsanwalt David Burton (Richard Chamberlain) soll im australischen Sydney eine Gruppe Aborigines, die des Mordes beschuldigt sind, vor Gericht verteidigen. Da er sich während seiner Recherchen sehr tief in den Fall und die damit in Verbindung stehende Kultur der Aborigines einarbeitet, bemerkt er, dass er immer öfter von geheimnisvollen Kultsteinen und einem mysteriösen Eingeborenen träumt.
Parallel dazu häufen sich in Sydney unerklärliche Naturphänomene, so kommt es plötzlich zu schwarzem Regen oder Hagelstürmen bei wolkenlosem Himmel. Seine Visionen werden von Davids Vater als das „zweite Gesicht“ erkannt, eine 41pK2cdInhLGabe, die ihn befähigen würde, in die Zukunft zu schauen. Als er beginnt, die Traumvisionen realistisch zu interpretieren, kommt er einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur.
Regisseur Peter Weir gelingt hier mit Die letzte Flut ein beeindruckender, inszenatorisch und inhaltlich beklemmender Film mit visionärer Kraft. Phantastische Momente treffen auf beinahe prophetische Kernaussagen, die visuell kraftvoll und faszinierend kombiniert wurden.

Den Abschluss dieser sehr abwechslungsreichen Collection bildet dann der 1979 entstandene Film Wenn der Klempner kommt. Dieser mit minimalem Aufwand und Mitteln gedrehte Film schafft es, einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Verhaltensweisen zu richten und dabei ein latentes Gefühl der Bedrohung aufzubauen. Der titelgebende Klempner Max (Ivor Kants), der e51Egl9C7oHLigentlich nur die Leitungen in der sich auf einem Campus befindenden Dienstwohnung des Akademikerpärchens Jilly und Brian (Judy Morris und Robert Coleby) reparieren soll, wirkt dabei immer mehr wie ein Eindringling in das behütete Leben der hysterischen Jilly, die schon seine bloße Anwesenheit als Bedrohung empfindet.
Auch hier gelingt es dem Regisseur, Zivilisation und Urängste aufeinanderprallen zu lassen, ohne dass dem Zuschauer klar wird, was ist Realität und was ist Einbildung. Die grandiosen Darsteller und der hervorragende Soundtrack machen den Film, der hier (meines Wissens nach) erstmals auf DVD vorliegt, zu einem kleinen, eher unbekannten Meisterwerk Peter Weirs.

Koch Media präsentiert diese frühen Werke Peter Weirs verteilt auf vier Discs in einer sehr ästhetischen Box, Bild und Ton sind für Filme diesen Alters auf einem guten Niveau, im Bonussektor liegen dann jeweils der Originaltrailer und eine Bildergalerie vor.
Die vier Filme lassen schon einen Blick auf die später folgenden Beiträge des Regisseurs zu, zeigen erste Ansätze der dort ebenfalls verwendeten Bildsprache und belegen, dass auch (oder gerade in) seinem Frühwerk der Ruf dieses Mannes begründet liegt, Anspruch und Unterhaltung wie kaum ein zweiter zu verknüpfen. Großartige Filme in einer hervorragenden Sammlung! Von mir eine ganz klare Empfehlung!

Christian Funke-Smolka