Prime Suspect  - Heißer Verdacht: Staffel 1-6 in einer Superbox  (Koch Media)

Prime Suspect – Heißer Verdacht: Staffel 1-6 in einer Superbox (Koch Media)

Dass gute und anspruchsvolle Fernsehunterhaltung keine Erfindung von HBO ist, zeigen die vielen Vertreter der anspruchsvollen und spannenden englischen Krimiunterhaltung. Hier werden schon seit Jahrzehnten gute Serien produziert, die auf der einen Seite durch hervorragende Darsteller und auf der anderen durch eine intelligente und fesselnde Story in Verbindung mit einer soliden Inszenierung glänzen können. Nach der grandiosen Umsetzung der Kultserie Für alle Fälle Fitz durch Koch Media liefern diese hier nun die Superbox der Kultserie Heißer Verdacht – Prime Suspect für die Thrillerfans. Die Box beinhaltet alle acht unzensierten Episoden der sechs in den Jahren 1991bis 2003 gedrehten Staffeln, verteilt auf zwölf DVDs.

Mittelpunkt der Geschichten ist die geniale Schauspielerin Helen Mirren (die einen verdienten Oscar© für ihre Darstellung in The Queen erhielt, aber auch zum Beispiel in RED oder Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellt) in ihrer Rolle als Detective Chief Inspector (später Detective Superintendent) Jane Tennison.
Die Serie und ihre Rolle als Jane Tennison zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die bewegte Kariere dieser fantastischen Schauspielerin, und so kehrte sie trotz großer Erfolge in diversen Kinofilmen immer wieder mit ihrer Verkörperung der Figur Tennison zum Medium Fernsehen zurück. Somit blieb sie dieser Rolle von ihrem ersten Auftritt im Jahre 1991 bis zu ihrem Finale im Jahr 2006 treu, besser noch, sie altert mit ihrer Rolle und verleiht ihr dadurch noch eine wesentlich tiefere Authentizität. Ein Grund wird das dauerhaft hohe Niveau dieser Serie sein, die es wie selten ein TV – Ereignis (mir fällt, und man kann es wahrscheinlich nicht mehr hören, immer nur als Vergleich die ähnlich hochdekorierte Serie Für alle Fälle Fitz ein! Diese wurde durch Prime Suspect inspiriert, wie man im Making of der letzten Fitz – Box, ebenfalls bei der Firma Koch Media veröffentlicht, erfahren konnte!) schafft, immer neue Aspekte in die Charakterentwicklung zu bringen, brisante Fälle und Geschichten zu erzählen und somit einen lange anhaltenden und Episoden übergreifenden Spannungsbogen zu erzeugen.

Die hier vorliegenden Geschichten sind dabei immer wieder mal ein Spiegelbild unserer aktuellen Gesellschaft, welche mit ihren vielen Facetten nur allzu realistisch wirkt, was den Aspekt des „vertraut-seins“ und den für den Zuschauer damit verbundenen Schrecken dieser bekannten kriminellen Vorgänge nur steigert. Hier sind nachvollziehbare Verbrechen mit authentischen Persönlichkeiten zu sehen, die sich in teils ausweglosen Situationen befinden. Hier ist auch der Zuschauer gefragt, der sich eben nicht einfach nur zurücklehnen kann, um sich berieseln zu lassen, sondern die ganze Zeit aufgefordert wird, selber zu überlegen, wie er/sie in der entsprechenden Situation reagiert hätte.
Man merkt den Fällen an keiner Stelle (abgesehen von der Mode oder den Automodellen) ihr Alter an, die Thematiken sind so aktuell und brisant, dass sie nahezu zeitlos wirken.

In ihrem ersten Fall (wir haben hier die Situation, dass man versucht, die Fälle in Staffeln aufzuteilen, dabei ist die „Staffel 1“ der erste Fall mit einer Lauflänge von etwa 200 Minuten, also eher ein überlanger Spielfilm als eine „klassische“ Serie in ihrer typischen Episodenform) wird Helen Mirren in ihrer Rolle als Jane Tennison nur zögerlich eingeführt.
Über einen Hauptcharakter wird man als Zuschauer an einen Mordfall herangeführt, als jedoch der ermittelnde Beamte an einem Herzanfall stirbt, übernimmt Helen Mirren dessen Posten.
Knallhart, resolut und kompetent macht sie sich nicht nur Freunde im Kollegenkreis, sondern muss gegen Vorbehalte ihrer Person und ihren Fähigkeiten gegenüber kämpfen. Gerade die Situation als Frau in einer Führungsposition in einer reinen Männerdomäne ist neben dem Mordfall das bestimmende Thema des ersten Falles von Detective Chief Inspector Jane Tennison.
Aber auch der von ihr übernommene Fall des brutalen Mordes an einer jungen Frau erweist sich als eine schwierige Aufgabe, scheint es doch, dass hinter dem einen Fall eine ganze Serie steht. Hier heißt es, sich das Vertrauen seines neuen, sehr skeptischen Teams zu erarbeiten, um gemeinsam zu einer Lösung zu gelangen.
Es wird ein großes Augenmerk auf realistische Polizeiarbeit gelegt, so dass neben den Problemen im Berufsalltag auch die private Problematik mit unregelmäßigen Dienstzeiten und kriselnder Beziehung beobachtet werden. Dies mag zu einigen Längen in der Geschichte und dem Spannungsbogen führen, aber erzeugt eine hohe realistische Dichte. Dies wird durch ein gutes Ensemble unterstützt, aber auch mittlerweile prominente Darsteller treten in Prime Suspect – Heißer Verdacht noch in Nebenrollen auf. Unter anderem ist ein sehr junger Ralph Fiennes (Harry Potter, Schindlers Liste, etc…) in einer sehr kleinen Statistenrolle zu sehen, aber auch Andrew Tiernan, hier noch in einer kleineren Nebenrolle, bereichert mittlerweile Filme wie 300, Richard III oder Der Pianist.

Nach dem durchschlagenden Erfolg des ersten Falles der britischen Krimireihe Prime Suspect – Heißer Verdacht war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Nachfolger produziert wurde. Dieser folgte nur ein Jahr später, und hatte den Untertitel Operation Nadine, was der Name der laufenden Ermittlung im aktuellen Fall ist.
Wie in dem ersten Fall legte man hier erneut Wert auf ein vielschichtiges Drehbuch, ausgefeilte Dialoge und Charaktere. Damit gewinnt auch Fall zwei an atmosphärischer Dichte, und liefert bis auf die letzte der fast 200 Minuten eine unglaublich intensive Spannung.
Regisseur John Strickland (drehte viele TV-Serien, aber auch Filme wie g:mt oder A for Andromeda) gelingt das Kunststück, intelligente Fernsehunterhaltung auf Kinoniveau zu präsentieren, dabei einen realistischen und leider immer noch aktuellen Blick auf die Gesellschaft mit ihren Strukturen, dem versteckten und offenen Rassismus und ihren Vorurteilen zu werfen.

In einem englischen Außenbezirk, einem sozialen Brennpunkt, wird die verweste Leiche eines unbekannten Mädchens gefunden, welche offensichtlich vergewaltigt und ermordet wurde. Auf Grund vergangener Polizeigewalt in diesem Viertel ist die Stimmung den Ermittlern gegenüber feindselig, und die Nachforschungen heikel. Rassistische Äußerungen einiger Beamter erschweren die Stimmung im Team um die erneut hinzugezogene Detective Chief Inspector Jane Tennison. Aber auch privat läuft wieder nicht alles nach Plan bei DCI Tennison. Der ihr aus Imagegründen zugeordnete schwarze Kollege Oswalde (Colin SalmonFreeze Frame, Match Point, Alien vs. Predator, diverse James Bond – Filme) ist dummerweise ein Ex-Liebhaber, der ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotential in die Ermittlung bringt. Somit sind neben den beruflichen auch private Krisen vorprogrammiert.

In der nächsten Episode, Aktion Soko, ermittelt Jane Tennison an einem Fall von Brandstiftung mit einem Todesfall, der sie ins homosexuelle Strichermilieu führt. Hier stößt sie mit ihrem Team auf Spuren von Gewalt und Kinderpornografie, deren Ausläufer bis in die höchsten Kreise der Politik und örtlichen Polizei gehen. Als sie sich der Lösung nähert, kommt es zu weiteren Todesfällen.
Was uns Regisseur David Drury hier zeigt, ist harter und realistische Stoff, der neben hervorragenden Schauspielern eine unglaublich wendungsreiche, fesselnde und intelligente Geschichte liefert.
Regisseur David Drury blieb dem britischen TV-Thriller treu, und drehte später unter anderem den auch in Deutschland populären Messias – Im Zeichen der Angst. Für den dritten Fall der Serie Heißer Verdacht gelang es ihm auch hier, eine Gruppe von sehr talentierten, und mittlerweile bekannten Schauspielern zu versammeln. Man sieht hier zum Beispiel einen jungen, aber schon hier beeindruckenden Jonny Lee Miller (Trainspotting), Christopher Fairbanks (Anazapata, The Bunker oder Cargo) oder Kelly Hunter (The Hole, Henry VII).

Auch die weiteren fünf Fälle (nicht alle haben diese epischen Lauflängen) sind ein beeindruckender Beweis, dass es möglich ist, sich dem üblichen Rhythmus einer Serie zu entziehen, und eine Thriller-Reihe wie die hier vorliegende Heißer Verdacht – Prime Suspect so zu gestalten, dass in unregelmäßigen Abständen Filme gedreht werden, die sich mit ausgefeilten, intelligenten Drehbüchern an eine Rahmenhandlung halten, in der über viele Jahre hinweg Schauspieler ihre Rolle verkörpern und diese mit Leben füllen.

Die Veröffentlichung aus dem Hause Koch Media in dieser Superbox ist eine solide und überaus gelungene Umsetzung. Die Gesamtlänge von knapp 1300 Minuten ist dabei auf zwölf DVDs in entsprechenden Doppel-Slimcases verteilt. Einziger Wermutstropfen ist, das es nicht gelungen ist, den Abschluss der Reihe, die Doppelfolge „The Final Act“ hinzuzufügen. Diese lief bisher nur im TV, und wurde noch nicht auf DVD veröffentlicht, hätte aber aus der tollen Superbox eine grandiose Komplettbox gemacht.

Wieder einmal beweist Koch Media ein sehr gutes Händchen, was die Auswahl bei der Veröffentlichung von Fernsehklassikern angeht. Freunde guter, spannender und intelligenter Fernsehunterhaltung, die es leid sind, von den ewigen Stereotypen der aktuellen Krimiunterhaltung gelangweilt zu werden, sollten einen intensiven Blick auf diese britische Produktion werfen. Prime Suspect- Heißer Verdacht ist ein echter Klassiker und besser, als in dieser Superbox, kann man sie derzeit nicht erwerben!

Christian Funke-Smolka