"RED SPARROW" (20th Century Fox)

„RED SPARROW“ (20th Century Fox)

Regie: Frances Lawrence

Mit: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenarts, Jeremy Irons, Mary-Louise Parker, Charlotte Rampling

Als eine Verletzung ihrer Karriere ein Ende setzt, sehen Dominika (Jennifer Lawrence) und ihre Mutter einer trostlosen und unsicheren Zukunft entgegen. Daher lässt sie sich schnell dazu überreden, eine der neusten Rekruten der Sparrow School zu werden, einem Geheimdienst, der außergewöhnliche junge Menschen wie sie trainiert, ihren Körper und Verstand als Waffe einzusetzen. Nachdem sie den abartigen und brutalen Trainingsprozess überstanden hat, entwickelt sie sich zum gefährlichsten Sparrow, den das Programm je hervorgebracht hat. Dominika muss ihr Leben auf ihre neue machtvolle Situation abstimmen und das betrifft auch alle ihr nahestehenden Menschen, die sich durch sie in Gefahr befinden – darunter auch ein amerikanischer CIA Agent (Joel Edgerton), der versucht, sie davon zu überzeugen, dass er die einzige Person ist, der sie trauen kann.

© 2017 Twentieth Century Fox

Spatz im Sinkflug

In der Karriere vieler kommerziell erfolgreicher Schauspielerinnen und Schauspieler gibt es immer wieder Filme, mit denen sie versuchen, dem Rollenbild, auf das sie ihrer Meinung nach von der Öffentlichkeit festgelegt wurden, zu entkommen. Jodie Foster wollte mit Maverick zeigen, dass sie auch komisch kann, Harrison Ford wollte mit Hilfe des Einzigen Zeugen beweisen, dass er auch dramatisch drauf hat.

Das Debüt von Jennifer Lawrence war zwar das kleine feine Independentdrama Winter´s Bone, aber ihren zwischenzeitlichen Status als Hollywoods Zuschauermagnet Nr. 1 hat sich die Schauspielerin aber eher durch Blockbuster wie die Hunger-Games-Reihe und die X-Men-Filme erarbeitet. Nun schien die 28-jährige trotz ihres Oscar-Triumphs 2013 den Wunsch verspürt zu haben, dem Publikum durch die Rolle einer russischen Spionin beweisen zu wollen, dass sie komplexe und mutige Rollen immer noch in ihrem Repertoire hat. Das einzige Problem ist, dass obwohl die Rolle für eine Schauspielerin ihres Ranges zwar als „mutig“ bezeichnet werden kann, sie wohl niemand als „komplex“ beschreiben könnte.

Lawrences Dominika Egorova ist Teil des geheimen „Red-Sparrow-Programms“, im Rahmen dessen Russland junge Menschen ausbildet, ihren Körper als Waffe für den Staat einzusetzen. Ursprünglich war Dominika eine talentierte aufstrebende Ballettänzerin im Moskauer Bolshoi-Theater, aber ein Unfall beendete diese Karriere jäh. Um ihre invalide Mutter (Joely Richardson) und sich weiter versorgen zu können, nimmt sie ein diffuses Angebot ihres Onkels (Matthias Schoenarts) an, sich eine zweite Karriereoption zu eröffnen. Dieser arbeitet für den russischen Geheimdienst und ist sehr offenkundig sehr zwielichtig. Er setzt seine Nichte auf einen schleimigen Oligarchen an und setzt dabei nicht nur ihre Ehre, sondern auch ihr Leben aufs Spiel. Seine Vorgesetzten, gespielt von Ciáran Hinds und einem sehr finster dreinblickenden Jeremy Irons, der dem Ganzen dennoch einige Gravitas verleihen kann, beobachten diesen ersten Einsatz misstrauisch. Zudem haben sie Probleme mit dem amerikanischen CIA-Agenten Nathan Nash (Joel Edgerton), der anscheinend in Moskau mit einem Informanten in höchsten Regierungskreisen zusammenarbeitet. Dominikas und Nashs Wege sollen sich alsbald kreuzen, doch zunächst muss sie eine Ausbildung unter der Fuchtel der sibirischen Matrone Charlotte Rampling absolvieren…

Wenn sich die kurze Zusammenfassung hier wie eine Superhelden-Origin-Story liest, so ist der Eindruck gar nicht verkehrt. Doch im Gegensatz zu den durchaus anspruchsvollen Superheldenfilmen der letzten Jahre sind wir hier eher auf dem Niveau einer Catwoman oder Elektra aus den frühen 00-er Jahren unterwegs. Die Figuren sind allesamt geprägt von flachen Charakterisierungen, denen durch das -wahrscheinlich gewollt- eintönige und mimisch dumpfe Spiel der Darsteller keine Abhilfe geschaffen wird. Ihre Charaktere sprechen zudem ausschließlich in Klischees und kurzen, alleine dem Plot, aber nicht der Charaktertiefe dienenden Sätzen, von denen die Drehbuchautoren anscheinend denken, dass in Russland nunmal so gesprochen wird.

Lawrence zeigt als Dominika zwar vollen Körpereinsatz und erfüllt so die Anforderungen an eine „mutige und erwachsene“ Rolle. Leider gibt sie ihrer Figur eine so eisige Aura, dass diese zwar zu der Grundstimmung des Films passen mag, aber der notwendigen Identifikation des Zuschauers mit ihrer Figur, ihrem Leid und ihrem Dilemma, nur abträglich ist. So bleibt es auch bis zum Ende ein Rätsel, was genau außer der Sorge um ihrer Mutter Wohlergehen Dominika antreibt und sie so handeln lässt, wie sie es tut. Damit bleibt uns nur Edgertons Nash als identifikationsfähiger Protagonist, was aber auf Grund seiner geringeren Wichtigkeit für den Plot und der damit verbundenen kürzeren Zeit, die er auf der Leinwand haben darf, die Distanz zwischen dem Zuschauer und dem Geschehen im Film nicht mindern kann. Dieses ist schließlich dann auch so vertrackt und unfokussiert erzählt, dass die Identität des Maulwurfs sowie seine Motive und die der anderen Protagonisten für den Zuschauer keine Rolle spielen. Eine authentisch anmutende Darstellung des russischen Gesellschaftsstruktur und auch einige gelungene Kommentare auf das dort immer noch vorherrschende Patriarchat sind zwar positiv zu vermerken, können den anderen Murks aber nicht mehr bedeutend aufwerten.

Erwähnenswert ist die für einen Film dieser Größenordnung beträchtliche Brutalität, die einige der Szenen beinahe unerträglich macht. Dabei ist nur ein Teil graphische Darstellung körperlicher Gewalt, ein anderer, großer Teil ist psychologische und sexuelle Gewalt an Frauen. Beides ist zwar dem Genre durchaus angemessen und auch konsequent für die Story. Zusammen mit dem bereits erwähnten Körpereinsatz der Hauptdarstellerin bildet der Film somit einen angenehmen Gegensatz zu der oft etwas weichgespülten Thrillerkost der letzten Zeit. Allerdings hilft diese Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit Regisseur Francis Lawrence nicht, eine interessante und nachvollziehbare Geschichte um eine Heldin, mit der man mitfiebern möchte, zu erzählen. Demzufolge muss die Gewalt als überflüssig bewertet werden und verstärkt nur den üblen Nachgeschmack.

Somit bleibt am Ende ein ähnlich kaltes, distanziertes Gefühl, das man auch nach Halle Berrys und Jennifer Hudsons erstem und letztem Abenteuer als Catwoman bzw. Elektra hatte. Mit einer Fortsetzung sollte man auch hier nicht rechnen und Jennifer Lawrence wird sicherlich -wie ihre oben erwähnten Kolleginnen- noch wesentlich bessere Möglichkeiten finden, ihr beträchtliches Talent unter Beweis zu stellen.

Martin & Christian