"River's Edge - Das Messer am Ufer" (Camera Obscura Filmdistribution)

„River’s Edge – Das Messer am Ufer“ (Camera Obscura Filmdistribution)

Regie:

Tim Hunter

Darsteller:

Keanu Reeves, Crispin Glover, Dennis Hopper, Daniel Roebuck, u.a.

Eine trostlose Kleinstadt in Oregon: Am Ufer des Flusses liegt die nackte Leiche eines ermordeten Mädchens. Der Mörder: ihr Freund Samson. Der macht keinen Hehl um seine Tat, doch seine Freunde schenken ihm kein Glauben. Samson führt seine Kumpels daraufhin zur Toten. Sie reagieren gleichgültig und versuchen, die Tat zu vertuschen. Unterschlupf findet Samson beim psychopathischen Ex-Rocker Feck. Doch bald stellen sich bei den Mitwissern Gewissensnöte ein: Sollen sie weiter schweigen und ihren Freund vor dem elektrischen Stuhl bewahren? Oder ihn verpfeifen und die Tat anzeigen? Die Clique um Matt und Layne steht vor der Zerreißprobe…

Tim Hunters Kultfilm RIVER’S EDGE, basierend auf einer wahren Begebenheit, ist ein beklemmend pessimistisches Porträt einer desillusionierten, verrohten Jugend, die sich mit Alkohol, Drogen und Sex betäubt und auf die Erfüllung des amerikanischen Traums nicht zu hoffen braucht…

Zur hoffnungslosen Atmosphäre tragen neben den kühlen Bildern von Kameramann Frederick Elmes (ERASERHEAD, BLUE VELVET) und dem wütenden Soundtrack (u.a. Slayer), vor allem die meisterhaften Performances späterer Stars wie Keanu Reeves und Crispin Glover sowie Leinwandlegende Dennis Hopper bei.

Auch über 30 Jahre nach Ersterscheinen ein Schlag in die Magengrube!

© Camera Obscura Filmdistribution

Meinung zur Veröffentlichung:

Der jugendliche Samson Tollet (Daniel Roebuck) offenbart seinen Freunden, dass er seine Freundin Jamie (Danyi Deats) ermordet habe. Als seine Freunde dies für einen Scherz halten, zeigt er ihnen ihre am Fluss liegende Leiche. Während einige Jugendliche der Gruppe die Tat der Polizei melden wollen, versucht Layne (Crispin Glover), um die Clique zu schützen, die Tat zu vertuschen und Samson bei einem Bekannten zu verstecken.

Der 1986 entstandene Film River’s Edge – Das Messer am Ufer ist ein Film, den ich seinerzeit auf VHS gesehen habe und der mir seitdem, mal bewusst, mal unterbewusst, immer wieder im Kopf rumspukte. Ein Film, der mich intensiver und nachhaltiger berührte, als dies andere, zeitgleich erschienene Teenagerfilme konnten. Es mag daran liegen, dass ich Mitte der 1980er Jahre selber ein oftmals genervter und gelangweilter Teenager war, der eher dem langsam abklingenden Punk und auflebenden Gothik, als dem damals weitverbreiteten Pop zugewandt war und nach (s)einem Platz in der Gesellschaft suchte; vielleicht jedoch war es aber auch die sehr authentische Skizzierung einer Jugend, die rast- und ratlos umherzog. Vielleicht waren meine Zustände im eigenen Elternhaus nicht vergleichbar mit denen der Teenager im Film, die Ideale und Vorstellungen meiner konservativen Erziehungsberechtigten empfand ich damals jedoch ebenfalls als sehr beengend und beschränkend und entsprechend als nicht erstrebenswert.

Drehbuchautor Neal Jimenez (For The Boys), der sich hier an einem realen Fall orientierte, muss ähnlich empfunden haben, denn sein Skript spiegelt keine Stimmung wider, es verströmt eine Grundeinstellung aus jeder Zeile und erzielt auf galant-subtile Weise eine Wirkung, die sich schleichend in einem ausbreitet und erst sehr spät seine volle Wirkung zeigt. Seine Figuren sind in ihrer Verstörung greifbar und glaubwürdig, man fühlt mit ihnen, ist fassungslos über viele ihrer Entscheidungen, kann sich aber nichtsdestotrotz oftmals irgendwie in sie hineinversetzen. Er scheint jedoch kein Phänomen seiner Zeit zu skizzieren, sondern einen Zustand des Heranwachsens einer der Subkultur zugewandten Jugend, die sich über eigene Gefühle noch im Unklaren ist, sich bewusst gegen Normen und, wie im Falle Laynes, vor die Clique stellt. Die Medien- und Kommunikationsplattformen haben sich geändert, dass Verhalten und die Einstellung jedoch nicht. Genau dies ist es, was River’s Edge – Das Messer am Ufer (wo auch immer in diesem Film ein Messer am Ufer liegen mag :)) so zeitlos macht. Regisseur Tim Hunter arbeitet in seinem Film mit vielen Typisierungen, die er an unterschiedlichen Figuren festmacht. Ob es der von Clarissa (Ione Skye) geschätzte Klassenlehrer ist, der den Frust symbolisiert, gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft zu kämpfen, oder Matt (Keanu Reeves), der in seinem eher reflektierenden Handeln das Wohl der Allgemeinheit über das der Gruppe stellt. So haben wir in River’s Edge – Das Messer am Ufer eine parabelhafte Struktur, die sich als Schablone für die Gesellschaftsstrukturen deuten lässt. Oder, um es nicht zu hochtrabend auszulegen, ein unglaublich intensives, musikalisch perfekt untermaltes Portrait Jugendlicher an einem Wendepunkt in ihrem Leben.

© Trailer: HD Retro Trailers

Camera Obscura Filmdistribution veröffentlicht River’s Edge – Das Messer am Ufer (Originaltitel: River’s Edge, USA 1986) ungekürzt und gut aufbereitet als wunderschön gestaltetes, auf 2000 Stück limitiertes 2-Disc-Limited-Edition Mediabook. Der Hauptfilm liegt sowohl als Blu-ray, als auch auf DVD vor, die von mir getestete Blu-ray befand sich technisch in Bild (1,85:1/HD 1080p/23,98fps) und Ton (Deutsch & Englisch: LPCM 2.0) auf einem technisch guten Niveau. Im Bonusbereich befanden sich die zwei von Camera Obscura produzierten Specials Livin‘ on the Edge (52 Minuten) und Under the Bridge (32 Minuten), wo man mit Darsteller Daniel Roebuck und Kameramann Frederick Elmes über die Dreharbeiten und den Film spricht. Desweiteren gibt es den Trailer, eine Fotogalerie und ein interessantes, reich bebildertes 12-seitiges Booklet mit einem Essay von Prof. Dr. Marcus Stiglegger.

Tim Hunter schuf 1986 mit seinem dritten Spielfilm River’s Edge ein eindringliches und bitteres Portrait einer desillusionierten und orientierungslosen Jugend ohne Perspektive, die ihren Frust und ihre latente Wut mit billigem Alkohol und Dope ertäglicher zu machen versucht. River’s Edge ist dabei ein erschreckend zeitloser Film, der auch heute nichts von seiner Wirkung und seiner Aussagekraft veloren hat. Ein unbequemer, tief berührender und sehr empfehlenswerter Film, der hier in einer nahezu perfekten Veröffentlichung vorliegt.

Christian Funke