„Schloss des Schreckens“ (Capelight Pictures)

„Schloss des Schreckens“ (Capelight Pictures)

Regie: Jack Clayton

Darsteller: Deborah Kerr, Peter Wyngarde, Michael Redgrave, Pamela Franklin

England im späten 19. Jahrhundert: Die Gouvernante Miss Giddens wird in einem entlegenen Landhaus mit der Erziehung der wohlerzogenen Waisenkinder Flora und Miles beauftragt. Voller Eifer widmet sich Miss Giddens der Arbeit. Die Kinder sind gehorsam, doch der Schein trügt: Furchtbares hat sich bereits in diesem Landhaus ereignet. Mysteriöse Umstände und geisterhafte Erscheinungen lassen die Gouvernante befürchten, die beiden Kinder seien besessen…

Das gefeierte Vorbild für anspruchsvolle Geisterfilm-Klassiker von „Shining“ bis „The Others“.

© Capelight Pictures

Meinung zur Veröffentlichung:

Im England des 19. Jahrhunderts reist Miss Giddens (Deborah Kerr, Casino Royale) zu einem abseits gelegenen feudalen Landsitz, wo sie als Gouvernante die Erziehung der Geschwister Miles (Martin Stephens, Das Dorf der Verdammten) und Flora (Pamela Franklin, Tanz der Totenköpfe) überwachen soll. Gemeinsam mit der Haushälterin Mrs. Grose (Megs Jenkins, Vier Frauen und ein Mord) betreut sie die Kinder und gestaltet die Tage. Schon bald hat Miss Giddens das Gefühl, geisterhafte Erscheinungen zu sehen. Schritt für Schritt erfährt sie mehr über ein dunkles Geheimnis…     

Der Grusel-, beziehungsweise Horrorfilm ist ein Genre mit einem außergewöhnlichen Facettenreichtum. Mit dem vorliegenden Beitrag Schloss des Schreckens haben wir einen Film, der auf dem von William Archibald verfassten Theaterstück The Innocents basiert, dem wiederum die Novelle The Turn of the Screw von Henry James zugrunde liegt. Am Drehbuch beteiligt waren neben William Archibald und Regisseur Jack Clayton noch der legendäre Schriftsteller Truman Capote, der dem Skript den letzten Feinschliff verpasste und einige interessante Ideen und Wendungen einbaute (und dabei einige der inhaltlichen Aspekte einbaute, die dem Film seine lange nachhallende Wirkung bescherten). Was den Film weiterhin auszeichnet, ist seine sehr ästhetische, unglaublich vieldeutige Bildsprache und visuelle Gestaltung, die nicht nur auf atemberaubende Weise das Spiel mit Licht und Schatten zu nutzen weiß, sondern sich optisch an den Spukfilmen der 1940er Jahre orientiert. Auch die Darsteller, allen voran Deborah Kerr als Gouvernante und Martin Stephens und Pamela Franklin als die zu betreuenden Kinder, können mit ihrem schaurig-intensiven, erschreckend mehrdeutigem Spiel überzeugen. Natürlich ist die Schockwirkung, die Schloss des Schreckens ausübt, nicht mit aktuellen Maßstäben zu messen, zu sehr haben sich die Sehgewohnheiten verändert, aber was auch heute noch wirkt, ist die schleichend aufgebaute bedrohliche Atmosphäre, der man sich kaum zu entziehen vermag. Wirkungsvoll sind hier die Dinge, die einem nicht gezeigt werden, sondern die man erahnt, oder sich in seiner Phantasie ausmalt (was ja oftmals unangenehmer ist, als alles, was einem ein Film an Grauen zu bieten hat). Man kann Jack Clayton als Fan des Genres dankbar sein, dass er mit seinem Werk die Filmlandschaft und speziell den Gruselfilm beeinflusst und mit seinen inhaltlich psychologischen Aspekten nachhaltig weiterentwickelt hat. Und dankbar bin ich ihm zudem, dass ich jedes Mal, wenn ich mich über meine Arbeit ärgere, darüber nachdenken darf, wie schlecht es mir gehen würde, wäre ich der Aufpasser der Kinder aus Schloss des Schreckens!

© Trailer: CMD Critics

Schloss des Schreckens (Originaltitel: The Innocents, Großbritannien 1961) erscheint als Neuauflage bei Capelight Pictures, neu remastered vom Original 35-mm Negativ, als DVD, Blu-ray und  2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook. Mir lag zur Ansicht das wunderschön gestaltete Mediabook vor, welches den Film auf DVD und Blu-ray enthielt. Die von mir getestete Blu-ray zeigte den in schwarz-weiß inszenierten Film in einer hervorragenden Bild- und Tonqualität (Bild: 2,35:1/1080p CinemaScope; Ton: Deutsch & Englisch: PCM 2.0 Mono). Auch das Bonusmaterial kann überzeugen! Neben einer knapp halbstündigen Einleitung von Kulturhistoriker Sir Christopher Frayling (ich mag den Knaben ja seit seinen grandiosen Sergio Leone-Beiträgen) hat dieser auch einen informativen Audiokommentar beigesteuert. Außerdem gibt es längeres „Hinter-den-Kulissen“-Special und Featurettes zu dem Haus, dem Autoren Henry James, dem Kostümdesign der legendären Motley, einen Kinotrailer, Programmhinweise, ein 73 Minuten langes Hörspiel („Henry James – Die Unschuldsengel“ aus der Gruselkabinett-Reihe) und der deutsche Kurzfilm Ultima Thule aus dem Jahr 2001. Abgerundet wird diese wirklich gelungene Veröffentlichung mit einem 24-seitigen, reich bebilderten Booklet von Daniel Wagner, de sich in seinem gut lesbaren Essay mit der literarischen Vorlage, dem Regisseur, den Darstellern, dem Film und seiner Atmosphäre auseinandersetzt.    

Der britische Regisseur Jack Clayton präsentiert mit seinem zweiten Spielfilm  Schloss des Schreckens eine liebevolle und detailverliebt in Szene gesetzte Hommage an die Horrorfilme der vierziger Jahre und gleichzeitig eine wundervolle Literaturverfilmung, die ihren Grusel aus der psychologischen Finessen und den auch heute noch unangenehm wirkenden Anspielungen bezieht. Kein Film für Adrenalinjunkies und Blockbusterfanatiker, wer sich jedoch auf die entschleunigte Erzählweise und den subtil wirkenden Schrecken einlassen kann, wird mit einem wundervollen und lange nachwirkenden Filmerlebnis belohnt!

Christian Funke