Shame  (Prokino)

Shame (Prokino)

Was macht einen guten, einen interessanten oder fesselnden Film aus?? Was hebt ihn von der Vielzahl an Veröffentlichungen ab und lässt ihn dem Zuschauer länger im Gedächtnis bleiben als andere Filme? Muss man sich bei einem Film wohlfühlen, oder kann er, muss er vielleicht sogar, den Zuschauer aufwühlen, um ihn zu erreichen?

Fakt ist, dass es Filme gibt, die trotz eines prominenten Cast nicht für die breite Masse gedreht wurden, sondern sich bewusst in Geschichte und Inszenierung querstellen, um dadurch das Publikum aufzurütteln und zum nachdenken zu bewegen.

Künstler und Regisseur Steve McQueen gelang es im Jahr 2008 mit seinem Debütfilm Hunger und einem darin unglaublich intensiv aufspielenden Hauptdarsteller Michael Fassbender (Prometheus, 300, Inglorious Basterds) in den Fokus von Publikum und Kritikern zu treten, so dass man gespannt war, als 2011 sein zweiter Film, erneut mit Fassbender, veröffentlicht wurde. In Shame verkörpert Fassbender den attraktiven und erfolgreichen Brandon, der sich stilvoll, freundlich und kultiviert in seinem Umfeld zu präsentieren weiß. Hinter der Fassade jedoch ist Brandon getrieben von Sex, und versinkt in seiner Sucht immer mehr in seinen pornografischen Fantasien. Obwohl er jede sich ihm bietende Gelegenheit zum Geschlechtsverkehr nutzt, hat er jedoch gleichzeitig eine alles beherrschende Angst vor Nähe und wirklicher Intimität.
Eines Tages überrascht ihn seine jüngere, psychisch labile Schwester mit ihrem Besuch, und nistet sich in seinem Apartment ein. Beide verbindet eine traumatische Kindheit, während sich Sissy (Carey Mulligan, Drive, Brothers) jedoch damit auseinandersetzt, drängt Brandon dies immer weiter zurück und flüchtet immer tiefer in seine Sexsucht. Als er eines Tages versucht, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, und sich auf ein ernstgemeintes Date mit seiner Arbeitskollegin Marianne (Nicole Beharie, Sins of the Mother) einzulassen, muss er jedoch schnell feststellen, dass ihm dies nicht so einfach gelingen wird. Die Situation scheint sich immer weiter zuzuspitzen und sowohl Brandon als auch Sissy entgleitet immer deutlicher die Kontrolle über ihr Leben.

Shame wirkt wie ein intellektueller Schlag in die Magengegend! Stilistisch unterkühlt und perfekt komponiert gelingt es Steve McQueen, ein unglaublich strukturiertes und hypnotisch-fesselndes Drama als Portrait eines Getriebenen zu inszenieren. Die Darsteller zeigen einen erschütternden und beim Zuschauer lange nachhallenden Seelenstriptease, der dabei sowohl provoziert als auch so ästhetisch, natürlich und völlig unprätentiös in Szene gesetzt wird, wie man es bisher selten in einem Film zu sehen bekam. Faszinierend ist hier, dass Shame mehr Inhalte über seine Bildgestaltung und die Körpersprache und Mimik seiner Protagonisten transportiert, als dies in der Kommunikation der einzelnen Charaktere der Fall ist. Hier fühlte ich mich an das Buch und die Verfilmung American Psycho erinnert, wo dies ähnlich gehandhabt wurde. Es ist beinahe körperlich spürbar, dass zwischen dem sichtbaren und dem spürbaren eine riesige Kluft liegt; als Beispiel erinnere ich mich an eine Szene, wo man Brandon beim Sex beobachtet, sein Gesicht aber eine Leere und einen inneren Schmerz aufzeigt, der im völligen Gegensatz zu seinen Handlungen steht.

Zur Ansicht stand mir eine Presse-DVD, welche neben dem Film noch den Originaltrailer und zwei kürzere aber interessante Feature mit Interviews namens Story of Shame und A Shared Vision beinhaltet.

Shame wird die Gemüter spalten, was auch völlig in Ordnung ist. Wer sich jedoch auf dieses Erlebnis einlässt und versucht, hinter die Fassade zu schauen, ohne sich von den in den Medien plakativ ausgebreiteten Sexszenen ablenken zu lassen, der wird einen perfekten, ergreifenden und erschreckenden Film über die innere Leere und die eigene persönliche Hölle sehen, der sowohl unbequem als auch hypnotisch ist. Ein Film, der bewusst da hingeht, wo es weh tut und genau deshalb so faszinierend ist wie schon lange kein Film mehr davor.

Christian Funke-Smolka