Sibirische Erziehung (Ascot Elite Home Entertainment) +++Review & Feature++++

Sibirische Erziehung (Ascot Elite Home Entertainment) +++Review & Feature++++

Buchautor Nicolai Lilin ist ein Abkömmling der Urki und erzählt in seinem autobiographischen Erfolgsbuch „Sibirische Erziehung“ vom Heranwachsen unter dem Kodex dieses „ehrenwerten“ Verbrecherclans, der keine anderen Autoritäten außer den eigenen anerkennt. Lilin schildert die altüberlieferte Moral dieser Verbrecherwelt als kritischen Gegenentwurf zur postsowjetischen Konsumwelt. Der in Italien lebende Autor verarbeitet sehr eindringlicCoverh seine persönlichen Erfahrungen, mittlerweile gibt es auch bereits zwei Fortsetzungs-Romane welche unter anderem Lilins Erlebnisse während des Tschetschenienkrieges schildern. In der Verfilmung glänzt der beeindruckende Charakterdarsteller John Malkovich (R.E.D. – ÄLTER, HÄRTER, BESSER) in der Rolle des Großvaters und russischen Paten Kuzya.
Ihm zur Seite steht der international bekannte schwedische Schauspieler Peter Stormare (ARMAGEDDON). In Szene gesetzt vom Oscar-Preisträger Gabriele Salvatores (MEDITERRANEO), überzeugt SIBIRISCHE ERZIEHUNG neben seinem herausragenden Cast auch durch seine eindringliche und authentische Umsetzung. Ganz im Stile von David Cronenbergs EASTERN PROMISES gibt SIBIRISCHE ERZIEHUNG einen tiefen Einblick in das Leben der sogenannten Wory w Sakone, der „Diebe im Gesetz“.

Kolyma und Gagarin sind beste Freunde. Sie wachsen unter der Aufsicht von Großvater Kuzya in einem verlassenen Winkel der Sowjetunion auf. Sie gehören den Urki an, einem aus Sibirien stammenden Verbrecherclan. Gemeinsam gehen die Jungen durch die Schule des ehrenhaften Verbrechens, wie die Urki es verstehen. Sie lernen Diebstahl, Banditentum und den Umgang mit Waffen. Großvater Kuzya wacht über die Einhaltung des strengen Ehrenkodex, der seit Generationen im Clan herrscht. Doch sieben Jahre im Gefängnis machen aus Gagarin einen einsamen jungen Mann, der dem Reiz des schnellen Geldes durch unehrenhafte Verbrechen erliegt. Die ehemaligen Freunde stehen sich schließlich als Todfeinde gegenüber, getrennt durch den Ehrenkodex des Clans.

Meinung zum Film:

Was geschieht, wenn ein fesselnder, autobiografischer Roman von einem auf sensibel inszenierte, eindringliche Dramen spezialisierten Regisseur verfilmt wird? Wir erleben als Zuschauer einen Film, der sich den nötigen Raum für seine Figurenentwicklung gönnt und eine komplexe Geschichte auf mehreren Zeitebenen erzählt. In Sibirische Erziehung erleben wir das Heranwachsen der beiden Freunde Kolyma und Gagarin, die in der Gemeinde der Urkas (einem sibirischen Verbrecherclan) zu jungen Männern heranwachsen. Der strenge Verhaltenskodex ihrer mafiösen GemeSzene 2inschaft schreibt ihnen eine Loyalität Mensch und Tier gegenüber vor, außer den Mitgliedern der Polizei, Regierung und Banken. Ihre Erziehung und Ausbildung durch das Oberhaupt des Clans ist sehr hart, streng, aber gerecht. Doch als junge Männer scheint sich der Weg der beiden Freunde zu trennen und ihre Freundschaft zu zerbrechen.

Regisseur Gabriele Salvatores präsentiert mit seiner Verfilmung des autobiografischen Erfolgsbuches von Nicolai Lilin eine unglaublich dicht inszenierte Geschichte um Ehre, Moral und Verbrechen, die in den Jahren 1985 bis 1995 angesiedelt den Werdegang zweier Jungen zeigt, die sich den unglaublich harten Bedingungen des Lebens in einem Verbrecherclan beugen müssen. Unter gleichen Voraussetzungen aufgewachsen entwickeln sie sich trotz enger Freundschaft letztendlich in entgegengesetzte Richtungen. Somit haben wir bei mit dem Film Sibirische Erziehung weniger um einen klassischen Mafia-/Gangster-Film zu tun, als vielmehr um ein sensibel inszeniertes Coming-of-age-Drama, welches lediglich in diesem Milieu spielt. Starke DarsteSzene 1ller und eine fesselnde Regie lassen dabei Erinnerungen an den unglaublich starken „Eastern Promises“ wachwerden.

Sibirische Erziehung erscheint bei Ascot Elite Home Entertainment als in einem Pappschuber schön gestaltete Veröffentlichung mit einer sehr guten Bild- und Tonqualität. Das Bonusmaterial ist mit einem 7 Minuten langen Making of mit Interviews und Szenen vom Dreh, einem Originaltrailer und einer Programmshow ziemlich übersichtlich ausgefallen.

Sibirische Erziehung ist ein Film, der die elementaren Aspekte des Miteinanders thematisiert. Es geht hier um Freundschaft, Respekt, Ehre, Vertrauen und Verrat. Zudem hervorragend besetzt bietet sich hier ein Drama, das sich darstellerisch und inszenatorisch auf einem sehr hohen Niveau bewegt. Von mir eine eindeutige Empfehlung!

Organized Crime Worldwide

SIBIRISCHE ERZIEHUNG ist die Verfilmung der bereits als Buch erschienenen Autobiografie von Nicolai Lilin. In seinem Erlebnisbericht geht es um ein Verbrecherviertel in Transnistrien, wo Lilin als Nachfahre deportierter sibirischer Urki geboren wird und unter den ungeschriebenen Gesetzen der kriminellen Gemeinschaft aufwächst. Mafiöse Strukturen und organisierte Kriminalität sind überall auf der Welt ausgebildet. Verschiedene Filme mit teilweise dokumentarischen oder autobiografischen CSzene 4harakter bieten einen Einblick in diese kriminellen Parallelwelten.

Für Gomorrha, seine Studie über die neapolitanische Mafia, recherchierte der italienische Journalist Roberto Saviano jahrelang verdeckt innerhalb der Verbrecherclans. 2008 nahm sich Regisseur Matteo Garrone des brisanten Stoffs an. Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra ist ein eindringlicher Spielfilm mit dokumentarischen Zügen, bedingt durch Drehs an Originalschauplätzen und den Einsatz von Laiendarstellern aus dem Milieu. Der Film zeichnet ein erschreckend dystopisches Portrait vom Reich der Camorra, einer Region im Würgegriff der organisierten Kriminalität, deren Macht über legale Wirtschaftszweige bis in die Politik reicht. (Trailer: http://youtu.be/lTxSRXM5Tsw)

Eine reine Dokumentation, dabei rasant wie ein Thriller, ist Billy Corbens Cocaine Cowboys (2006) über den Kokainhandel im Miami der 70er- und 80er-Jahre. Erweitert mit Archivmaterial berichten Zeitzeugen diesseits und jenseits des Gesetzes über eine Ära, die für Scarface und Miami VSzene 3ice Pate stand. Neben der Entwicklung des Drogenhandels zeigt der Film auf, wie sich die organisierte Kriminalität auf das öffentliche Leben auswirkte und schließlich ein blutiger Drogenkrieg Miami zur gefährlichsten Stadt der USA machte. Der Nachfolgefilm Cocaine Cowboys 2 (2008) beleuchtet ausführlich die Karriere von „Godmother“ Griselda Blanco, die sich mit blutiger Skrupellosigkeit an die Spitze des Kokainhandels setzte. (Trailer: http://youtu.be/CgrFijr4nAs)

Um die Vorherrschaft im Drogengeschäft geht es auch in City of God (2002) nach dem autobiografischen Roman von Paulo Lins. Erzähler Buscapé schildert die Verwandlung des Armenviertels in Rio de Janeiro zum tödlichen Gangland von den 60er- bis in die 80er-Jahre. Von Regisseur Fernando Meirelles teils mit den schrillen Mitteln des Werbefilms in Szene gesetzt und großteils mit Laiendarstellern besetzt, zeigt der Film die bedrohliche Atmosphäre, in der organisierte Kriminalität das durch staatlichen Rückzug entstandene Machtvakuum ausfüllt und das Gewaltmonopol für sich beansprucht. City of God wurde viermal für den Oscar nominiert und regte in Brasilien eine Debatte über die Zustände in den Favelas an. (Trailer: http://youtu.be/bmA40tmTVOc)

Ortswechsel: Hiroshima nach Ende des zweiten Weltkriegs. In der zerstörten Stadt herrscht Chaos, der Schwarzmarkt blüht und Yakuzafamilien können ihre Machtstrukturen ausbilden. In Battles without Honor and Humanity (1973) landet der Kriegsveteran Hirono wegen Mordes im Gefängnis und durchläuft von da an eine Karriere in der gewalttätigen Schattenwelt der Yakuza. Der Machtkampf der Verbrechersyndikate mündet in einem langen und blutigen Krieg. Battle Royale-Regisseur Kinji Fukasaku griff für diesen Film auf die Aufzeichnungen eines echten Yakuza zurück. Entgegen dem damaligen Trend der Yakuza-Filme haben sie hier nichts Ehrenwertes an sich. Fukasaku zeigt sie als brutale, nur von Macht und Profit getriebene Gangster. Zusammen mit seinen vier Nachfolgern bildet der Film die Serie The Yakuza Papers. (Trailer: http://youtu.be/KRnXpt94O1A)

„Ehre“ ist ein in Mafiakreisen häufig verwendeter und äußerst dehnbarer Begriff. Als „ehrbare“ Kriminelle verstanden sich auch die Urki, eine kriminelle Vereinigung aus Sibirien, deren Angehörige unter Stalin nach Transnistrien (im heutigen Moldawien) deportiert wurden. Der italienische Regisseur und Oscar-Preisträger Gabriele Salvatores verfilmte nun den autobiografischen Roman Sibirische Erziehung (2013) von Nicolai Lilin über seine Jugend in Urki-Kreisen. Hollywood-Veteran John Malkovich übernahm eine Rolle als Urki-Pate. Im Film lernt der junge Kolyma das Banditentum in der Zeit des Kalten Krieges von klein auf. Sein Großvater lehrt ihn ein religiös gespeistes Wertesystem, welches Gewalt bis hin zu Mord rechtfertigt. (Trailer: http://youtu.be/gb-Y7y_oSTo)

Christian Funke-Smolka