“Sympathy for Mr. Vengeance” (Capelight Pictures)

“Sympathy for Mr. Vengeance” (Capelight Pictures)

Regie: Park Chan-wook

Darsteller: Song Kang-ho, Shin Ha-kyun, Bae Du-na, Lim Ji-eun, Han Bo-bae, Kim Se-dong, Lee Dae-yeon

Als der taubstumme Ryu seinen Job in der Fabrik verliert, könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein: Seine schwer kranke Schwester braucht dringend eine Nierentransplantation, für die den Geschwistern das nötige Geld fehlt. Als ein Deal mit kriminellen Organhändlern schiefgeht, sehen Ryu und seine Freundin Yeong-mi nur noch einen Ausweg: Sie entführen die Tochter des wohlhabenden Fabrikbesitzers Park Dong-jin, um das Geld für die Transplantation zu erpressen. Doch eine unerwartete Katastrophe setzt einen blutigen Rachefeldzug in Gang, bei dem es keine Gewinner geben kann…

© Capelight Pictures

Meinung zur Veröffentlichung:

Ryu (Shin Ha-kyun, The Villainess, Silent Killer) ist gehörlos und in seiner Sprache massiv beeinträchtigt. Seine wichtigsten Personen sind seine Schwester und seine Freundin Yeong-mi Cha (Bae Doona, Sense8, The Host). Da seine Schwester an einer Nierenerkrankung leidet, benötigt sie eine Spenderniere, für die ihr jedoch das Geld fehlt. Da ihr Bruder die falsche Blutgruppe hat, sucht er den Kontakt zu einem zwielichtigen Organhändler. Doch es läuft anders als geplant und am Ende fehlt Ryu nicht nur sein erspartes Geld, sondern auch seine Niere. Um an Geld zu kommen, um eine Spenderniere bezahlen zu können, entwickeln Ryu und Yeong-mi einen waghalsigen Plan. Doch leider läuft auf grausame Weise alles schief, was schief laufen kann…

Basierend auf der Comicvorlage von Myeong-chan Park schrieben Drehbuchautor Mu-yeong Lee und Regisseur Park Chan-wook das Drehbuch zu Sympathy for Mr. Vengeance. Durch den weltweiten Erfolg seines vorangegangenen Films JSA – Joint Security Area genoss der Filmemacher neben einem höheren Budget auch ein hohes Maß an künstlerischer Freiheit, wodurch es ihm glücklicherweise möglich war, dem so ruhig wie schörkellos inszenierten Film seinen persönlichen künstlerischen Stempel aufzudrücken. Kompromisslos in seiner beinahe irrwitzigen Erzählung und seinem stringenten Aufbau zieht einem der Film dabei Stück für Stück den sicheren Boden unter den Füßen weg und lässt einen tief in die menschlichen Abgründe eintauchen. Sympathy for Mr. Vengeance – schon der Titel ist eine gelungene Pointe – stellt den Beginn der Vengeance-Trilogie dar, der nur ein Jahr später der grandiose Oldboy und 2005 Lady Vengeance folgen sollten.

Park Chan-wook präsentiert mit Sympathy for Mr. Vengeance einen anfangs sehr ruhig aufgebauten und behutsam inszenierten Film, der sich die Zeit nimmt, seine Charaktere ausgiebig aufzubauen und vorzustellen. Es wird schnell deutlich, dass nahezu jeder der Hauptfiguren in irgendeiner Form Unrecht geschehen ist, entzieht sich jedoch geschickt der moralischen Rechtfertigung ihrer Taten. Ist der erste Part des Films noch auf Ryu fokussiert, wechselt dies in der zweiten Hälfte auf die Bemühungen des Vaters und seinen Weg in die Finsternis. Im inszenatorischen Aufbau zwar geschickt, aber noch deutlich roher als seine folgenden Filme, erleben wir hier einen „Stummfilm mit Dialogen“ (wie es Lucas Barwenczik im Booklet anmerkt), gibt es doch immer wieder szenenteilende Texttafeln mit Ryus Antworten. Der Regisseur nimmt uns mit auf einen alptraumartigen Trip, aus dem es kein Entrinnen, keine glückselige Auflösung gibt, sondern deutlich betont, dass Gewalt Gegengewalt erzeugt. Doch trotz dieser düsteren und niederschmetternden Grundstruktur erleben wir hier einen meisterhaft in Szene gesetzten, erstaunlich poetischen Film über Schicksalsschläge, schlechte Entscheidungen und das Leben (…und Sterben)!

Sympathy for Mr. Vengeance (Originaltitel: Boksuneun naui geot, Südkorea 2002) erscheint bei Capelight Pictures neu aufbereitet weltweit erstmals in 4K Ultra HD inklusive Dolby Vision und HDR10+ als 2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook mit zwei Covermotiven und auf DVD. Mir lag das wie immer hochwertig und ansprechend gestaltete Mediabook zur Ansicht vor, welches den Film auf Blu-ray und 4K Ultra HD beinhaltete. Bild (2,35:1 / 1080p & 2,35:1 / 4K HDR 10+ HDR 10) und Ton (Deutsch & Koreanisch: dts-HD Master Audio 5.1) waren hervorragend aufbereitet (und damit der bisherigen, mittlerweile vergriffenen Blu-ray meilenweit überlegen), zudem gab es eine Unmenge an hochwertigem Bonusmaterial! Neben dem Audiokommentar des Regisseurs gab es ein längeres und interessantes Making-of, ein Special über die Darstellerinnen und Darsteller, ein über halbstündiges Featurette zum Regisseur und der Filmcrew, ein viertelstündiges Gespräch mit Park Chan-wook, animierte Storyboards, ein halbstündiges „Hinter-den-Kulissen“-Special, Trailer und Filmtipps und ein interessantes, gut recherchiertes und informatives 24-seitiges Booklet von Lucas Barwenczik. In seinem gut lesbaren Essay berichte der Autor fundiert über den Film Sympathy for Mr. Vengeance und seine Struktur, den zur Premiere geäußerten Vorwurf, der Film sei zu brutal und nihilistisch und würde die gezeigte Gewalt ästhetisieren, verweist auf den Film als entscheidenden Eintrag im Schaffen des Regisseurs und betrachtet den (grimmigen) Humor und die unterschiedlichen Charaktere in Sympathy for Mr. Vengeance.

Mit Sympathy for Mr. Vengeance, dem Beginn seiner Rachetrilogie, präsentiert Park Chan-wook eine atemberaubende und lange nachhallende Reise in die menschlichen Abgründe. Hier gibt es keine strahlenden Helden, keine Bösen, aber auch keine Unschuldigen! In wundervoll inszenierten Bildern lässt der Filmemacher seine Protagonisten in einen so nie gewollten Strudel aus Gewalt und Grausamkeit stolpern, den man so nur selten in einem Film erleben durfte. Ein abgrundtief poetischer, trauriger und gefühlvoller Thriller, der auch nach fast zwei Jahrzehnten nichts von seiner Wucht verloren hat!

Christian Funke