“Tschernobyl 1986“ (Capelight Pictures)

“Tschernobyl 1986“ (Capelight Pictures)

Cast: Danila Koslowski, Oksana Akinschina, Filipp Awdejew, u.a.

Regie: Danila Koslowski

Prypjat, 26. April 1986: Nach der verheerenden Explosion des vierten Reaktorblocks des Kernkraftwerks Tschernobyl kämpfen Hunderte Einsatzkräfte und Zivilisten darum, eine noch größere Katastrophe zu verhindern. Aus dem Reservoir unter dem Reaktor muss das Wasser abgelassen werden, bevor der geschmolzene Reaktorkern damit in Berührung kommt. Feuerwehrmann Alex, Ingenieur Valerij und Militärtaucher Boris werden mit der gefährlichen Mission beauftragt, sich unter den brennenden Reaktor zu begeben. Viel Zeit bleibt ihnen nicht: Das Wasser in den überfluteten Korridoren wird durch die immense Strahlung von Stunde zu Stunde heißer. Bereit, ihr Leben zu opfern, steigen die drei Männer in die Tiefen des Gebäudes hinab.

© Capelight Pictures

Meinung zur Veröffentlichung:

Prypjat im April des Jahres 1986: Der Feuerwehrmann Alexey Karpushin (Danila Koslowski, Vikings, McMafia) trifft auf seine ehemalige große Liebe Olga Savostina (Oksana Akinshina, Sputnik, Quiet Comes the Dawn). Er versucht, den Kontakt zu intensivieren, doch als im nahegelegenen Kernkraftwerk Tschernobyl ein Reaktorblock explodiert, begibt er sich zu einem Einsatz, um verheerende Folgen zu verhindern…

Noch heute weckt die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl Erinnerungen an einen Schulalltag, bei dem der Lehrer vor dem Beginn der Pause mit einem Geigerzähler vor die Tür ging, oder einem die Eltern verboten, bei Regen vor die Tür zu gehen, da „die Radioaktivität von Russland rübergeweht wird“! Die durch Fehleinschätzungen und menschliches Versagen verursachte Explosion des vierten Reaktorblocks des Kernkraftwerks Tschernobyl zeigte der Menschheit deutlich die Gefahren, die die Kernenergie und ihre kontrollierte Kernspaltung mit sich bringt. 2019 wurde die Katastrophe von HBO in einer Mini-Serie behandelt. Trotz ihrer analytischen, beinahe dokumentarischen Herangehensweise zeigten sich einige russische Zuschauer:innen empört, was dazu führte, dass man bereits während der Ausstrahlung der ersten Episoden mit der Planung eines Spielfilms begann. Elena Ivanova und Aleksey Kazakov schrieben ein Drehbuch, welches von Danila Koslowski, der sich in der Phase der Vorbereitung entschied, gleichzeitig auch die Hauptrolle des Feuerwehrmannes Alexey Karpushin zu übernehmen, inszeniert werden sollte. Der Film konzentriert sich bei seiner Erzählung auf Einzelschicksale und fokussiert sich nach einer ausführlichen Vorstellung der Figuren auf den Weg, den der Feuerwehrmann und seine ehemalige Freundin beschreiten werden. Es wird recht schnell eine Verbindung zum Zuschauenden aufgebaut, weshalb man sofort im Geschehen ist und entsprechend mitfiebert. Interessanterweise nutzt der Filmemacher sie Stilmittel des Mystery- und Horrorfilms, die mit einer zum Teil unglaublichen Wucht Bilder erzeugt, die dem kaum fassbaren Schrecken eine angemessene Darstellung geben. Wenn Olgas Sohn zufälligerweise die Explosion mit seiner Kamera aufzeichnet, wird man frappierend an Super 8, während einen der Blick auf die geschmolzenen Reaktorkerne an den Blick in die Abgründe in Stranger Things    erinnert. Doch Koslowski kopiert nicht, sondern nutzt alle Möglichkeiten, um den Zuschauenden visuell und erzählerisch in die Geschichte zu ziehen. Man baut in den 136 Minuten Laufzeit eine emotionale Bindung auf, fiebert mit und ist mit dem Wissen dessen, was noch folgen wird, schockiert und gerührt über den Glauben und die Hoffnung der Charaktere, diese Situation doch noch irgendwie zu einem positiven Ende bringen zu können. Inspiriert von realen Ereignissen ist auch Tschernobyl 1986 keine historisch zu 100% akkurate Aufarbeitung, bietet einem aber einen emotionalen Zugang zum Geschehen, den ich persönlich als eine perfekte Ergänzung zu der von mir sehr geschätzten HBO-Serie empfinde!    

Tschernobyl 1986 (Originaltitel: Chernobyl, Russland 2021) erscheint bei Capelight Pictures als Video on Demand, Blu-ray, DVD und als wunderschön gestaltete 2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook. Letztgenannte Edition lag mir zur Ansicht vor und beinhaltete den Film auf DVD und Blu-ray. Bild (2,39:1 / 1080p) und Ton (Deutsch & Russisch: dts-HD Master Audio 5.1) der von mir getesteten Blu-ray befanden sich auf einem qualitativ sehr guten Niveau, im Bonusbereich befanden sich Teaser, Trailer und Filmtipps. Abgerundet wird die Veröffentlichung mit einem 24-seitigen Booklet, welches neben vielen zum Teil großformatigen Filmbildern ein Interview mit dem Regisseur und Hauptdarsteller Danila Koslowski enthält, wo er über die Entwicklung des Drehbuches, der Vorbereitung auf die Dreharbeiten, dem Umgang mit schwierigen Szenen und dem Vergleich zur HBO-Serie berichtet.

Mit Tschernobyl 1986 präsentiert Danila Koslowski ein Drama, welches den Fokus auf Einzelschicksale richtet und so die Katastrophe emotional berührend und weniger dokumentarisch gestaltet, als die HBO-Serie. Eine packende, emotional aufwühlende Betrachtung der schrecklichen Reaktorkatastrophe, die der Katastrophe ein menschliches Gesicht gibt. Inszenatorisch beeindruckend und inhaltlich fesselnd, kann ich diesen sehenswerten Film jedem empfehlen, der sich für diese Thematik interessiert.  

Christian Funke