Uli M Schueppel (schueppel films)

Uli M Schueppel (schueppel films)

Uli M Schueppel! Seine filmischen Beiträge zum Schaffen zahlreicher Größen der alternativen Musikszene gehörten damals wie heute für mich untrennbar mit deren Werk verbunden. Das erste mal kam ich mit seinen Filmen Anfang der 90er in Berührung, als ich auf seinen Musikfilme The Road To God Knows Where und Live at the Paradiso stieß, die für mich als großer Freund der Musik Nick Caves und seiner damaligen Weggefährten eine echte Bereicherung darstellten. Denn ihm gelang mit seinen Filmen das, was den meisten anderen Veröffentlichungen nicht gelingt: Schueppel erstellt mit seinen Dokumentationen Portraits von Musikern, keinen simplen Konzertmitschnitt!
Aber ich eile voraus!

1323105802_616x350Geboren am 07. Mai 1958 in Erbach im Odenwald studierte Uli M Schueppel Germanistik, Romanistik und Linguistik in Heidelberg und war Teil der Spoken Words-Gruppe „Poesie & Krach“. Er drehte in dieser Zeit erste Kurzfilme und schrieb für verschiedene Film- und Stadtmagazine. Mitte der 80er begann er sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, wo er neben weiteren Kurzfilmen die Idee für seinen ersten Spielfilm „Nihil, oder alle Zeit der Welt“ umsetzte. Hier traf er auf die Musiker der Bands Einstürzende Neubauten, Nick Cave & The Bad Seeds und Crime & The City Solution, ein Konglomerat verschiedenster Musiker mit unterschiedlichen künstlerischen Einflüssen, die eng vernetzt der wohl interessanteste und innovativste Einfluss der damaligen alternativen Musikszene darstellte. Schnell kam es zu Kooperationen mit dem Filmemacher, so spielten einige der Musiker Rollen in „Nihil, oder alle Zeit der Welt“ und Alex Hacke komponierte den Soundtrack. Aus dieser Freundschaft entstand letztendlich für Schueppel die Möglichkeit, die Nordamerika-Tournee von Nick Cave & The Bad Seeds zu begleiten und aus dem dort entstandenen Filmmaterial seine Abschlussarbeit, den Dokumentarfilm The Road To God Knows Where zu gestalten.

In den folgenden Jahren folgten zahlreiche Spielfilme, die erfolgreich auf diversen Filmfestivals aufgeführt und zum Teil ausgezeichnet wurden. Im Jahr 2007/2008 inszenierte der Regisseur den Film Von Wegen, der das erste Konzert der Einstürzenden Neubauten im Kulturhaus des VEB Elektrokohle Lichtenberg in Ost-Berlin aus dem Jahr 1989 zeigte. Auch hier gelingt ihm der Spagat zwischen einem Konzertfilm und einem Entwurf eines Bildes unserer Hauptstadt im Gestern und Heute.

Zwei Jahre später entstand Brötzmann – Da gehört die Welt mal mir, der 2012 im offiziellen Programm der 62. Internationalen Filmfestspiele in Berlin aufgeführt wurde.
An dieser Stelle möchte ich auf einige seiner Filme detaillierter eingehen, die online hier veröffentlicht wurden.

The Road To God Knows Where ist ein Film der auch heute, mehr als zwanzig Jahre nach Entstehung nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Damals einer meiner wenigen Konzertdokumentationen, noch auf VHS erworben, liefert der Film einen anderthalbstündigen, sehr intimen Blick in das Tour-Leben des australischen Musikers und seiner Band. Schueppel spart jeglichen Kommentar oder Bewertung, sondern ist mit seiner Kamera neutraler Betrachter. So erlebt der Zuschauer einen sehr humorvollen und familiären Alltag, der zwischen Aufenthalten im und außerhalb des Tour-Busses, auf der Bühne, oder Backstage stattfindet. Die Konzertmitschnitte sind dabei nur fragmentarische Unterbrechungen des Tour-Alltags, keines der Lieder wird dabei wirklich komplett gespielt. Dadurch ist man auch als Zuschauer eher Tour-Begleiter als Konzertbesucher. Durch seine schwarz-weißen Aufnahmen und der subtilen Kameraführung wirkt der Film zeitlos, wären nicht die Telefonzellengroßen Handys, man wüsste an den meisten Stellen nicht, zu welcher Zeit der Film entstanden sein könnte. Nah an der Band zeigt The Road To God Knows Where sympathische und humorvolle Musiker, die hier nicht in ihrer Rolle als Star zu sehen sind, sondern als Künstler und vor allem als Mensch.von_wegen_flyer.jpg w=545

Von Wegen ist ein interessantes filmisches Experiment. Anhand eines Konzertes der Einstürzenden Neubauten versucht der Regisseur die Geschichte Berlins darzustellen. Am 21. Dezember 1989 begleitete Uli M Schueppel die Musiker in ihrem Band-Bulli auf dem Weg nach Ost-Berlin, wo sie ihr erstes Konzert im Ostteil der Stadt im Kulturhaus des VEB Elektrokohle, initiiert von dem leider mittlerweile verstorbenen Heiner Müller, geben sollten.
Der Film wirkt wie eine Momentaufnahme, zeigt eine sonst immer ein wenig distanziert wirkende Band in einer hier sehr lockeren, sehr privaten Atmosphäre. Die Musiker wirken entspannt, machen Witze und zeigen sich beinahe in Urlaubslaune. Die Kamera filmt sowohl die Fahrt über die Grenze als auch die Ankunft in der Halle und das große Medieninteresse, welches der Auftritt mit sich bringt. Auch hier werden die Lieder nur in Bruchstücken eingefügt, dienen eher als Untermalung denn als Kernpunkt eines Films über ein Konzert.
Der Clou der Dokumentation ist es jedoch, dass der Regisseur zwanzig Jahre nach diesem Event einige Konzertbesucher von damals an den Ort des Geschehens zurückkehren und berichten. Dadurch ändert sich die Perspektive völlig, denn plötzlich ist man Zeuge der kolossalen Veränderung einer Stadt und ihrer politischen und gesellschaftlichen Situation, der Film wird damit zu einem aufschlussreichen und überaus interessanten Zeitdokument und geht dabei weit über die hypnotische Musik der Einstürzenden Neubauten hinaus.

681Last but not least der für mich emotionalste Film: Brötzmann – Da gehört die Welt mal mir. Caspar Brötzmann war für mich seinerzeit einer der interessantesten Musiker, den ich glücklicherweise einmal 1993 und einmal 1996 live erleben durfte, danach aber irgendwie aus den Augen und den Ohren verloren habe. Hier liegt ein Auftritt von 2010 vor, der erstmals nach 14 Jahren die Originalbesetzung der legendären Caspar Brötzmann Massaker im Berliner Club „Berghain“ zeigt. Auch hier gilt es, keinen gängigen Konzertmitschnitt zu liefern, denn völlig gegensätzlich zu den harten Noise-Soundeskapaden zeigt sich der Mensch Brötzmann als sehr nachdenkliche, reflektierte Person, die genau beobachtend ihre Gefühle preisgibt und erzählt, wo die Motivation zur Kunst herkommt. Sensibel gefilmt, wird der Zuschauer hier an einen Musiker herangeführt, der seine verletzliche Seite gerne hinter einer lauten, infernalisch-brachialen Lärmwand zu verbergen versucht. Ein Film, der sich ähnlich seinem porträtierten Musiker gegen jegliche konventionellen Regeln stellt und durch diesen Bruch etwas sehr intimes und emotional berührendes schafft.

Uli M Schueppel ist ein Künstler, der mit seinem Team (u.a. Cornelius Plache, Ernst Carias, Martin Frühmorgen) einen besonderen Blick auf die Dinge dieser Welt, die kreativen, künstlerischen als auch die gesellschaftlichen und politischen gekonnt in Bilder zu verpacken weiß, der den Zuschauer an die Hand nimmt und ihn sehr eng ans Geschehen bindet. Man ist nicht mehr bloßer Beobachter, sondern hat das Gefühl, anwesend zu sein. Schueppel gelingt es, dass ihm der Künstler vertraut und dadurch auch bereit ist, Gefühle und Emotionen zu zeigen, sich als Mensch zu präsentieren. Genau das ist es, was die Filme dieses Regisseurs so faszinierend und spannend macht! Diese hier beschriebenen und andere seiner Filme findet man auf der untenstehenden Homepage! Ich kann jedem Filminteressierten nur empfehlen, sich mit Uli M Schueppel und seinen Filmen zu beschäftigen… es lohnt sich!

http://www.schueppel-films.de/

Christian Funke-Smolka