Von der philosophischen Reflektion einer sexuellen Identität - Die Filme der Catherine Breillat (Pierrot Le Fou)

Von der philosophischen Reflektion einer sexuellen Identität – Die Filme der Catherine Breillat (Pierrot Le Fou)

Wenn jemand zeitlebens über sein literarisches als auch filmisches Werk versucht hat, die Unterschiede aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern, gerade mit Blick auf die Sexualität gerichtet, auszuloten, dabei die Extreme nicht scheute und sich auch über Wiederstände und Anfeindungen hinwegsetzte, dann war und ist es Catherine Breillat.

71RGJ2SoZ+L._SL1000_Geboren am 13. Juli 1948 in Bressuire in Frankreich nahm die Schriftstellerin, Filmemacherin und Schauspielerin schon sehr früh zusammen mit ihrer älteren Schwester Marie-Héléne Schauspielunterricht. Gemeinsame Auftritte hatten sie zum Beispiel in dem im Jahr 1972 entstandenen Spielfilm „Der letzte Tango in Paris“ von Bernardo Berlusconi.

Vier Jahre später entstand ihr erster eigener Spielfilm. „Ein Mädchen“ wurde von ihr 1976 inszeniert, kam aber erst 24 Jahre später in die französischen Kinos.

Nach eigener Aussage wuchs Catherine Breillat in einem kleinbürgerlichen Umfeld auf, wo ihre Eltern durch eine strenge Erziehung und permanentem Misstrauen versuchten, ihr ein tugendhaftes und moralisch einwandfreies Verhalten anzuerziehen. Dass diese Unterdrückung der eigenen Sexualität in jungen Jahren wahrscheinlich maßgeblich für ihren späteren Werdegang verantwortlich ist, liegt auf der Hand.

Mit 17 Jahren flüchtet sie im Jahr 1965 aus dem Elternhaus und widmet sich der Schriftstellrei. Bereits ihr erster Roman, der 1968 erschien, widmete sich so intensiv dem Thema sexuelle Begierde und der Durchbrechung von Tabus, dass man ihn in Frankreich für Minderjährige verbot. Es folgten weitere Erzählungen aber auch Drehbücher, ehe sie 1976 ihr oben erwähntes Regiedebüt inszenierte.
Widmete sich Breillat in den 70er und 80er Jahren vermehrt ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und drehte entsprechend wenige Filme, änderte sich dies in den 90ern, so dass ihr filmischer Output bedeutend stieg. Es ist interessant, dass sie in ihren bisher gedrehten dreizehn Filmen eine nahezu ähnliche Thematik behandelt, die jedoch an Tiefe gewinnt durch ihre professionellere Herangehensweise und die parallel veröffentlichten Essays, welche sich diesem Bereich auf eine philosophische, teils auch politisch gefärbte Weise nähern.

Es ist erfreulich, dass sich Pierrot Le Fou einem Teil ihres filmischen Schaffens angenommen hat und dieses nun in teils sehr schönen Veröffentlichungen dem interessierten Zuschauer zur Verfügung stellt.91V4v9aNjTL._SL1500_

Den Anfang macht hier das eingangs erwähnte Filmdebüt der Regisseurin namens „Ein Mädchen“, welches hier unter dem Titel Ein wirklich junges Mädchen erscheint. Der Film ist in seinem Grundton sehr poetisch, erzählt seine Geschichte im Tagebuch-Stil, wobei seine Protagonistin, die 16 Jahre alte Alice (Charlotte Alexandra), sich interessiert ihrer erwachenden Sexualität widmet. Der Film vermittelt perfekt das Gefühl der Hauptfigur, die in ihrer aufkeimend-sexuell orientierten Wahrnehmung alles mit der Körperlichkeit verbindet und entsprechend zweideutig auslegt. Da der Film nicht mit expliziten Details und teils verstörenden, gar surrealen Szenen geizt, ist er nur einem volljährigen Publikum zugänglich. Bild und Ton sind für einen Film diesen Alters gut, im Bonusmaterial befindet sich eine Programmübersicht des Labels.

Nun folgt der im Jahr 2001 entstandene Film Meine Schwester – Ihr erstes Mal. Da es sich hier erneut um das Thema Sexualität bei heranwachsenden jungen Frauen handelt, die dieses mal jedoch dreizehn und fünfzehn Jahre alt sind, geht der Film wesentlich subtiler und hintergründiger an die Thematik heran und ist auch visuell bis auf eine Szene zum Ende des Films eher zurückhaltend. Insgesamt ist Meine Schwester – Ihr erstes Mal ein authentisch wirkender, sensibel inszenierter Beitrag, der unaufdringlich seine Geschichte erzählt und von dem guten Schauspiel seiner Darsteller lebt. Die Veröffentlichung präsentiert den Film in einer guten Bild- und Tonqualität, im Bonusbereich befinden sich entfernte Szenen.

Nur ein Jahr später, 2002, veröffentlicht Catherine Breillat mit Sex is Comedy wohl ihren persönlichsten Film. Sehr nüchtern inszeniert sie die Geschichte um die Regisseurin Jeanne (Anne Parillaud), die einen Erotikfilm drehen soll, bei dem nichts so läuft wie geplant. Sex is Comedy wirkt an vielen Stellen wie ein von Woody Allen inszenierter Großstadt-Film, der mit feinem Humor beobachtet und auf Grund der Thematik wie eine persönliche biografische Abrechnung daherkommt. Ein gutes Bild und ein sauberer Ton machen die Veröffentlichung von Pierrot Le Fou für den Zuschauer zu einem humorvollen, erotischen Vergnügen.

Im Jahr 2007 gelang es der Regisseurin, die großartige Asia Argento für die Hauptrolle in Die letzte Mätresse zu gewinnen. Auch die weiteren Darsteller glänzen, so dass der Film, der neben der dramatisch-lustvollen Geschichte einer Dreiecksbeziehung auch noch durch seine grandiosen Kostüme und Settings beeindruckt, vollends überzeugen kann. Die Geschichte um Eifersucht, Liebe, Hass und Unterwerfung erscheint bei Pierrot Le Fou in einer perfekten Veröffentlichung, denn neben dem sehr guten Bild- und Ton findet der interessierte Zuschauer auch noch ein knapp halbstündiges Making of mit Interviews und Szenen vom Dreh auf der DVD.

51dXSE6MN0LDen Abschluss bildet der wohl kontroverseste Film, der hier erstmalig ungekürzt vorliegt: Romance 2 – Anatomie einer Frau.
Catherine Breillat erzählt hier in teils sehr drastischen und extrem expliziten Bildern die Geschichte der wunderschönen und seelisch verletzten jungen Frau (Amira Casar) auf der Suche nach Anerkennung. Ihr Experiment, einen Mann (Porno-Star Rocco Siffredi), den sie in einer Schwulen-Bar getroffen hat, dafür zu bezahlen, sie vier Tage lang zu betrachten, während sie sich erforscht, führt beide an ihren Grenzen. Explizit, obszön und sehr erotisch ist der Film für ein erwachsenes Publikum konzipiert und stellt aus meiner Sicht wegen seiner komplexen Geschichte, die mehrdeutig ausgelegt werden kann, aber auch vor allem wegen dem Mut der offenen und sehr gewagten Inszenierung den Höhepunkt des Schaffens von Catherine Breillat dar.

Catherine Breillat ist eine der interessantesten französischen Regisseurinnen, deren Werk oft missverstanden und fehlgedeutet wird. Dank Pierrot Le Fou hat man hier die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von ihrem Werk zu machen. Ein Blick der sich auf jeden Fall für jeden aufgeschlossenen Zuschauer lohnen wird!

Christian Funke-Smolka