Xanadu - Staffel 1 (Sunfilm Entertainment/ Tiberius Film)

Xanadu – Staffel 1 (Sunfilm Entertainment/ Tiberius Film)

 

Es beruhigt mich, dass auch der europäische Markt der TV-Serienunterhaltung die Fähigkeit besitzt, anspruchsvolle und faszinierende Geschichten für ein mündiges und erwachsenes Publikum zu kreieren. Was mich jedoch erschreckt, ist die Tatsache, dass das Ergebnis dann trotz der teils bestechenden Qualität quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit ohne große Werbung im Nachtprogramm verheizt wird.
Zum Glück hat man als interessierter Zuschauer nun die Gelegenheit, eine dieser Serien, die französische, von ARTE und Haut et Court produzierte, großartige Xanadu als Veröffentlichung aus dem Hause Sunfilm Entertainment/ Tiberius Film zu sichten.

Die Geschichte der achtteiligen Serie erzählt die Geschichte der titelgebenden Pornofilm-Produktionsfirma Xanadu, deren Leitung seit Jahrzehnten in der Hand der Familie Valadine liegt. Diese hat nicht nur innerfamiliäre, sondern auch beruflich-finanzielle Probleme, denn die goldenen Zeiten der Pornoproduktion sind vorbei. Der Trend geht immer mehr zum schnelllebigen Gonzo-Stil und Onlineangeboten, doch Vater und Firmengründer Alex Valadine (Jean-Baptiste Malartre) möchte an den alten Traditionen festhalten.
Sein Sohn Laurent (Julien Boisselier) jedoch möchte die Firma neu positionieren. Ein Eklat mit seinem patriarchalischen Vater bahnt sich an, als ein Amokläufer eine Kunstveranstaltung aufsucht, und wahllos auf die dortigen Gäste schießt. Laurent wird schwer verwundet und liegt im Koma.
Parallel dazu erleben wir weitere Schicksale von anderen Familienmitgliedern und langjährigen Mitarbeitern der Firma, während über Allem die Geschichte um Elise Jess (Gaía Amaral) steht, Laurents vor einigen Jahren unter ungeklärten Umständen verstorbenen Frau.

Xanadu ist ein nahezu perfektes Drama. Tolle Bilder, eine Geschichte, die beinahe dokumentarisch erzählt wird, getragen von hervorragenden, freizügigen Darstellern und untermalt mit einem hypnotischen Soundtrack der Band Get Well Soon!
Erzählt wird die tragische Geschichte einer Familie, die durch ein dramatisches und ungeklärtes Geheimnis über Jahre hinweg in zerstört wird. Die Gegenwart zeigt dabei die Auswirkungen der Zerwürfnisse, während sich dem Zuschauer die Ursachen nur langsam in Form von einem zu Beginn jeder Episode eingespielten Dokumentarfilm von vergangenen Tagen offenbart.

Xanadu ist dabei eine der mutigsten Serien der aktuellen TV-Landschaft, wagt sie sich doch in einen Bereich vor, der nach wie vor einen gewissen Ruf hat, und etabliert ihn als Schauplatz einer klassischen Familiendramas mit all seinen Facetten. Stilistisch trifft hier Gus Van Sant auf Boogie Nights, nur dass der Humor in Xanadu eher trauriger, ja wehmütiger Natur ist.

Sunfilm Entertainment/ Tiberius Film präsentiert die Serie auf zwei DVDs mit einem sehr guten Bild und Ton. Im Bonussektor befindet sich lediglich eine Programmshow.

Xanadu ist sinnlich, ehrlich, realistisch, zum Teil verstörend, aber nicht das, was man bei de Thematik vermuten dürfte, nämlich skandalös. Dazu nimmt die Serie ihre Figuren viel zu ernst, und nutzt sie nicht als plakatives Aushängeschild. Man behandelt jede der Personen mit dem ihr gebührenden Respekt, und geht nur soweit, wie es der Geschichte zuträglich ist. Das ist teils tiefschürfend, teils rührend oder aberwitzig, aber immer faszinierend. Hier gelingt an Hand einer Familiengeschichte ein grandioser, ein intimer Blick in einer sich im Umbruch befindenden Branche.

Christian Funke-Smolka