Goetz Steeger - Nutzlose Zeugen (Plattenbau)

Goetz Steeger – Nutzlose Zeugen (Plattenbau)

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Zwölf Songs, die es mit der Realität aufnehmen, erzählt aus einer Perspektive, in der die Vergangenheit genauso zur Gegenwart gehört, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse GoetzSteeger Foto#zu persönlichen Befindlichkeiten.
Die Musik dazu setzt sich über jedes Genre hinweg und wird Teil der Erzählung:
die getragene Schlichtheit von „In Der Zwischenzeit“, das die ewige Frage der Verteilung des Wohlstandes neu formuliert.
Das wütende Oxi über Deutschlands Austeritätspolitik gegenüber Griechenland in „Das Bankett“, dessen melodramatischer Schlusspart wie der Soundtrack zu einem Costa-Cavras Thriller klingt.
Der Electro-Gitarrentrash von „Wann Ist Es Soweit“, einer apokalyptischen Kurzgeschichte über die Silicon Valley-Vision von Unsterblichkeit, beeindruckend dargestellt von Siri Keil mit gepitchter Stimme.
Der traumatische Industrial-Rock von „The Captain“, der den Anblick von ertrinkenden Flüchtlingen nicht verarbeiten kann.
Der pulsierende Electro- Folk im Titelsong „Nutzlose Zeugen“, und seiner Schilderung abgeklärter Bezugslosigkeit in urbanen Netzwerken.
Realismus, der sich aber immer wieder auch kleine Abzweigungen ins Fantastische zugesteht („Mit Grossen Flügeln“).
Expressive musikalische Zwischenmomente gibt es auch zu genüge- dynamisch und unquantisiert, dank Olve Strelow (Schlagzeug) und Lisa Rebecca Wulf (Bass), Goetz Steegers Bandmates bei User, sowie Tobias Unterberg (Inchtaboktables, New Model Army, etc.), der mit seinem Cello viele der Songs zum Funkeln gebracht hat.

© Plattenbau

 

Meinung zur Veröffentlichung:

Eher unvorbereitet legte ich die CD Nutzlose Zeugen von Goetz Steeger in meinen Player, doch schon während des französisch gesprochenen, musikalisch eher getragen unterlegten Intros halte ich ein, um genauer hinzuhören. Als dann das zweite Lied („Mit grossen Flügeln“) erklingt, welches virtuos zwischen Leichtigkeit und Schwermut pendelt, einen mit seinem sommerlichen, aber trotzdem melancholischen Text direkt in seinen Bann zieht, habe ich es bereits aufgegeben, mich einer Nebenbeschäftigung zu widmen. Verdammt, so etwas passiert mir nicht oft, dass ich von einem Album so fasziniert bin, dass ich es dreimal hintereinander komplett durchhöre.

 

 

Nutzlose Zeugen, dass sind zwölf Songs, die unterschiedlicher nicht sein können. Kluge Texte, teils sentimental, melancholisch, aber auch schwarzhumorig oder bitterböse, die sich wunderbar mit der Musik zusammenfügen, die zwischen Folk und den frühen Sonic Youth, Chanson und Nick Cave pendelt, als sei es das erklärte Ziel, unberechenbar zu bleiben und den Zuhörer zu überraschen! Goetz Steeger zeigt sich dabei wie das Cover-schmückende Männchen aus der Kiste, der seinen Finger in die gesellschaftlichen Wunden legt, ohne dabei im bitteren Sarkasmus zu ertrinken, sondern seine wortgewaltigen Anklagen immer mit einem zwinkernden Auge präsentiert. Man merkt es dem Hamburger Musiker an, dass er sich sowohl inhaltlich wie auch stilistisch nicht festlegen möchte, sondern künstlerisch frei seine Vision eines nahezu perfekten, sich nicht dem Massengeschmack unterordnenden Albums umsetzen möchte. Mal verspielt, dann wieder klar in seiner musikalischen Linie, dann wieder komplex verschachtelt und im ständigen Bruch gelingt es ihm ihm mit Nutzlose Zeugen, einen knapp einstündigen Exkurs durch die musikalischen Möglichkeiten zu präsentieren, der durchgehend hochspannend und abwechslungsreich bleibt und auch nach mehrmaligem Hören seine Wirkung nicht verliert! Ein intelligent aufgebautes musikalisches Kunstwerk, welches sich anzuhören lohnt!

Christian Funke